WHO - World Health Organization Regional Office for Europe

07/01/2026 | Press release | Archived content

Vorbereitung auf die nächste große Katastrophe: Gesundheitsminister kommen in Istanbul zusammen, wo wissenschaftlichen Prognosen zufolge in den nächsten Jahrzehnten mit einem[...]

Erdbeben sind von allen Naturgefahren die tödlichsten und waren zwischen 2000 und 2023 für weltweit mehr als die Hälfte aller Todesfälle infolge von Naturkatastrophen verantwortlich. In der gesamten Europäischen Region der WHO leben Millionen von Menschen in Häusern und werden in Gesundheitseinrichtungen behandelt, die ein schweres Erdbeben nicht überstehen würden.

Daher sind in dieser Woche Gesundheitsminister, Delegationsleiter der Länder und hohe Beamte in Istanbul zusammengekommen, um zu vereinbaren, wie die Länder ihre Gesundheitssysteme und ihre Bevölkerung vor dem nächsten Beben schützen können. Die von der türkischen Regierung und dem WHO-Regionalbüro für Europa ausgerichtete Konferenz hatte etwa 200 Teilnehmer, darunter acht Gesundheitsminister aus den WHO-Regionen Afrika, Europa, Östlicher Mittelmeerraum und Westlicher Pazifikraum.

Ein erdbebengefährdetes Gebiet

Das Treffen fand in einer der am stärksten durch Erdbeben gefährdeten Städte der Europäischen Region statt. Die Nordanatolische Verwerfung, eine der aktivsten der Welt, verläuft südlich von Istanbul, einer Metropole mit mehr als 15 Millionen Einwohnern. Eine 2025 veröffentlichte Forschungsarbeit wirft Licht auf eine Verwerfung unter dem Marmarameer südlich von Istanbul, die ein Erdbeben der Stärke 7 auslösen kann. Nach fachlich begutachteten Schätzungen beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass Istanbul in den kommenden Jahrzehnten von einem Erdbeben der Stärke 7 oder höher heimgesucht wird, etwa 40-60 %.

Das Risiko beschränkt sich nicht auf die Türkei. Die 53 Mitgliedstaaten in der Europäischen Region der WHO erstrecken sich über zwei der weltweit größten Erdbebengürtel. Im Westen und Süden entfallen auf vier Länder - Griechenland, Italien, Rumänien und die Türkei - nahezu 80 % des durchschnittlichen jährlichen wirtschaftlichen Schadens infolge von Erdbeben in Europa, der Modellen zufolge auf 7 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt wird. Im Osten liegen fast ganz Kirgisistan und Tadschikistan, Teile von Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan sowie der Südkaukasus in Gebieten mit sehr hohem Erdbebenrisiko. Ein einzelnes großes Erdbeben dürfte dort mehrere Länder betreffen: Das Ferghana-Tal beispielsweise, in dem 11 Millionen Menschen leben, erstreckt sich auf die Staatsgebiete von Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan.

Das öffentliche Bewusstsein für diese sehr reale Gefahr ist jedoch nach wie vor gering. In der Europäischen Union lebt mehr als jeder Dritte (35 %) in einem Gebiet mit mittlerer oder hoher Erdbebengefährdung, doch nur jeder Achte (13 %) sieht sich selbst als gefährdet an.

"Während wir hier zusammenkommen, sind wir mit unseren Gedanken bei den Menschen in Venezuela, wo ein schweres Erdbeben gerade zahlreiche Menschenleben gefordert und für die Familien so unentbehrliche Gesundheitseinrichtungen beschädigt hat. Dieses Drama führt uns klar vor Augen, warum wir hier versammelt sind", sagte Dr. Hans Henri P. Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa. "Erdbeben kommen ohne Vorwarnung. In Städten wie Istanbul und Neapel sowie in weiten Teilen Zentralasiens leben und arbeiten Millionen von Menschen in Gebäuden, die einem schweren Erdbeben nicht standhalten würden, und werden darin medizinisch versorgt. Eine Gesundheitseinrichtung, die bereits in den ersten Minuten eines Bebens einstürzt, kann in den darauffolgenden Stunden und Tagen keine Leben retten. Heute werden sich die Minister in Istanbul darüber verständigen, was zum Schutz der Gesundheit vor Erdbeben notwendig ist: Krankenhäuser, die so gebaut sind, dass sie standhalten, Teams, die innerhalb weniger Stunden einsatzbereit sind, und Pläne, die vor dem Bedarfsfall erprobt wurden. Die Lehre von 2023 ist klar: Wir müssen jetzt, in den ruhigen Jahren, handeln, nicht erst inmitten der Trümmer."

Lehren aus der Türkei

Die Konferenz stützte sich auf die Lehren aus den Erdbeben, die am 6. Februar 2023 die Südtürkei und Nordwestensyrien erschütterten. In der Türkei beläuft sich die offizielle Bilanz auf 53.697 Tote, 107.213 Verletzte und mehr als 3,5 Mio. Evakuierte. Mindestens 15 Krankenhäuser wurden beschädigt, und 28 % des Gesamtschadens entfielen auf Gesundheitseinrichtungen und sonstige Nichtwohngebäude. Fallen bei einem Erdbeben Krankenhäuser aus, steigt die Nachfrage nach Trauma- und Notfallversorgung genau in dem Moment, indem die Kapazitäten zur Erbringung dieser Leistungen sinken. Dadurch entsteht ein gefährlicher Engpass, der zu vermeidbaren Gesundheitsschäden oder sogar zum Tod von Menschen führen kann.

Die schädlichen Folgen enden nicht mit dem Abklingen der Erdstöße. Nach einem schweren Erdbeben steigt die Häufigkeit von Depressionen, Angstzuständen und anderen psychischen Erkrankungen stark an, und der Bedarf an Rehabilitationsangeboten, darunter auch für Menschen mit bleibenden Behinderungen, besteht noch Jahre später. Selbst die Einsatzkräfte sind betroffen: Nahezu die Hälfte derjenigen, die 2023 an den Hilfsmaßnahmen in der Türkei beteiligt waren, berichtete während ihres Einsatzes oder danach über Auswirkungen auf ihre körperliche oder psychische Gesundheit.

Als das Gesundheitssystem der Türkei unter außerordentlichen Druck geriet, koordinierte die WHO die Entsendung von 39 medizinischen Notfallteams aus 22 Ländern - den größten Einsatz dieser Art bei einer Katastrophe in der Geschichte der Europäischen Region der WHO.

"Am 6. Februar 2023 erlebte die Türkei eine der schlimmsten Katastrophen unserer Geschichte", erklärte ein Sprecher des türkischen Gesundheitsministeriums. "Wir haben auf schmerzhafte Weise gelernt, was nötig ist, um ein Gesundheitssystem am Laufen zu halten, wenn der Boden unter den Füßen nachgibt: Teams, die innerhalb weniger Stunden einsatzbereit sind, Krankenhäuser, die so gebaut sind, dass sie standhalten, und Notfallpläne, die lange vor dem Bedarfsfall erprobt wurden." Wir haben diese Erkenntnisse an andere Länder weitergegeben, und der heutige Tag bildet den Höhepunkt dieser Bemühungen. Das nächste Erdbeben kommt mit Sicherheit. Wir müssen uns jetzt darauf vorbereiten."

Schutz der Gesundheit vor, während und nach Erdbeben

Die Konferenz wird mit einer von den Teilnehmern verabschiedeten Abschlusserklärung enden, in der konkret dargelegt wird, was zum Schutz der Gesundheit vor Erdbeben notwendig ist.

Im Mittelpunkt steht dabei das Gesundheitssystem selbst. In der Erklärung werden die Länder aufgefordert, neue Krankenhäuser und Kliniken nach den Standards für Erdbebensicherheit zu bauen und bestehende Einrichtungen nachzurüsten sowie Notfallsysteme für Strom, Wasser und Hilfsgüter zu planen, damit die Einrichtungen auch beim Ausfall umliegenden Anlagen weiter funktionieren. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen würde die Einbeziehung von Katastrophenschutzmaßnahmen in der Phase der Planung eines neuen Krankenhauses dessen Gesamtkosten um weniger als 4 % erhöhen, während die Nachrüstung der kritischen Einrichtungen eines Krankenhauses kaum 1 % ihres Wertes kosten, sie jedoch bis zu 90 % schützen würde.

In der Erklärung werden die Länder zudem aufgefordert, geschulte medizinische Notfallteams bereitzuhalten, die innerhalb weniger Stunden einsatzfähig sind, ihre Reaktionspläne mittels regelmäßiger Simulationsübungen zu erproben, sich grenz- und bereichsübergreifend, beispielsweise mit der Stadtplanung, der Wasserwirtschaft und dem Zivilschutz, abzustimmen sowie bei einer Krise die Öffentlichkeit auf dem Laufenden zu halten und Fehlinformationen entgegenzuwirken. Schließlich enthält die Erklärung einen Aufruf zum Schutz des Gesundheitspersonals und dazu, vorrangig Hilfe für die am stärksten gefährdeten Menschen bereitzustellen, darunter ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen und Vertriebene.


WHO - World Health Organization Regional Office for Europe published this content on July 01, 2026, and is solely responsible for the information contained herein. Distributed via Public Technologies (PUBT), unedited and unaltered, on July 07, 2026 at 22:33 UTC. If you believe the information included in the content is inaccurate or outdated and requires editing or removal, please contact us at [email protected]