10/15/2026 | Press release | Distributed by Public on 10/15/2026 04:54
Handelsschiffe werden im Schwarzen Meer versenkt, in der Golfregion erneut angegriffen und im Roten Meer weiterhin bedroht: Derzeit stehen mehrere zentrale Seewege gleichzeitig unter Druck. Das gefährdet Menschenleben, die weltweite Versorgung, stört die Lieferketten und erhöht den Preisdruck auch in Deutschland und Europa.
"Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die gleichzeitige Eskalation auf mehreren zentralen Seewegen die regelbasierte Ordnung auf See insgesamt gefährdet. Angriffe auf zivile Schiffe und die Blockade freier Durchfahrten dürfen nicht zur Normalität werden", sagt Martin Kröger, Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Reeder (VDR). "Die Staatengemeinschaft muss dieser Entwicklung gemeinsam entgegenwirken - mit Diplomatie, internationaler Zusammenarbeit und wirksamem Schutz für Handelsschiffe und ihre Besatzungen."
Die Gefahr reicht bis vor Europas Küsten
Wie nah die Gewalt inzwischen an Europa heranreicht, zeigen die jüngsten Angriffe auf Handelsschiffe im Schwarzen Meer. Selbst vor der Küste des EU-Mitgliedstaats Bulgarien wurden Frachtschiffe von Drohnen getroffen. Eines der Schiffe sank. Auch im Persischen Golf und rund um die Straße von Hormus kommt es immer wieder zu Angriffen auf Handelsschiffe. Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation IMO verzeichnet für die Region seit Konfliktbeginn 113 bestätigte Vorfälle und 24 getötete Seeleute.
Im Roten Meer bleibt die Gefahr erneuter Huthi-Angriffe bestehen. Auch die anhaltenden militärischen Spannungen um Taiwan bergen Risiken für wichtige Handelsverbindungen. Vor der deutschen Haustür in der Ostsee erschweren zudem Störungen und Manipulationen von Satellitennavigationssignalen wie GPS die sichere Navigation.
Die Folgen reichen bis zur Tankstelle und zum Supermarkt
Die Auswirkungen dieser Spannungen und Konflikte auf Schifffahrt und seegestützten Handel sind enorm und weltweit zu spüren. Russland und die Ukraine stehen für rund 27 Prozent der weltweiten Weizenexporte. Mitten in der wichtigen Verschiffungszeit nach der Ernte wurde über die Schwarzmeerroute im September rund 78 Prozent weniger Weizen verladen als ein Jahr zuvor: nur 1,6 statt 7,3 Millionen Tonnen.
Durch die Straße von Hormus wurden 2025 täglich rund 20 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte transportiert. Anfang Oktober lagen die Rohöltransporte rund 26 Prozent unter dem Vorkriegsniveau. Auch der Flüssiggastransport bleibt stark eingeschränkt. Vor dem Krieg passierten fast 20 Prozent des weltweiten LNG-Handels diese Meerenge.
Im Roten Meer zwingen anhaltende Sicherheitsrisiken viele Schiffe zu Umwegen um Afrika. Das verlängert Lieferzeiten und verteuert Transporte für Rohstoffe, Kleidung, Elektronik und industrielle Bauteile.
Fallen Lieferungen aus, suchen Käufer weltweit Ersatz. Das verteuert auch die Beschaffung für Deutschland und Europa. Teurere Energie belastet die Produktion, teurerer Diesel die Landwirtschaft und den Güterverkehr. Zusammen mit höheren Transportkosten entsteht zusätzlicher Preisdruck entlang der Lieferketten.
"Die Folgen treffen unsere auf Rohstoffimporte angewiesene Wirtschaft ebenso wie uns Verbraucher beim Heizen, im Supermarkt oder an der Tankstelle. Sichere Seewege sind Grundlage unseres Wohlstandes und einer bezahlbaren Versorgung", sagt Kröger.
Die Schifffahrt liefert weiter, unter erhöhten Risiken
Trotz der angespannten Lage bleibt die Seeschifffahrt verlässlich. Reedereien und Besatzungen halten die Versorgung mit angepassten Routen und langen Umwegen aufrecht. "Dass Waren weiterhin ankommen, darf nicht darüber hinwegtäuschen, wie gefährdet ihre Lieferwege inzwischen sind. Den höchsten Preis zahlen Seeleute, die bei Angriffen verletzt oder getötet werden", betont Kröger. "Seewege schützen sich nicht von allein. Die Menschen, die unsere Versorgung sichern, brauchen selbst Sicherheit."
Der VDR appelliert deshalb an die Bundesregierung und ihre europäischen und internationalen Partner, die diplomatischen Bemühungen zur Beendigung der Angriffe zu verstärken, freie Durchfahrten zu sichern und Schutzmaßnahmen zu koordinieren. Dazu gehören auch ausreichend ausgestattete Marinen und Schutzmissionen wie die europäische Operation ASPIDES.
Der VDR begrüßt in diesem Zusammenhang die am 12. Oktober vorgestellte internationale Initiative zum Schutz der freien Schifffahrt, die von allen EU-Mitgliedstaaten und 34 weiteren Staaten unterstützt wird. Sie richtet sich insbesondere gegen unrechtmäßige Gebühren, Durchfahrtsbeschränkungen und andere Eingriffe in die Freiheit der Schifffahrt. Auch der aktuelle EU-Gipfel befasst sich mit der Sicherheit der Seewege. Entscheidend ist, dass den gemeinsamen politischen Erklärungen konkrete Maßnahmen zum Schutz der Handelsschiffe und ihrer Besatzungen folgen.
Knapp 300 Reedereien mit insgesamt 1.716 Schiffen prägen die deutsche Handelsschifffahrt. Viele Schiffe und Besatzungen sind weltweit im Einsatz und auf sichere, frei zugängliche Seewege angewiesen.
Über den Verband Deutscher Reeder
Der Verband Deutscher Reeder (VDR) vertritt die gemeinsamen wirtschafts- und sozialpolitischen Interessen der deutschen Reedereien auf der Ebene des Bundes und der Länder sowie gegenüber europäischen und internationalen Instanzen. Der VDR wurde 1907 gegründet und hat sich 1994 mit dem Verband der Deutschen Küstenschiffseigner zusammengeschlossen. Mit rund 200 Mitgliedern vertritt der VDR den größten Teil der deutschen Handelsflotte. Mehr Informationen unter www.reederverband.de.