WFP - World Food Programme

07/23/2026 | Press release | Distributed by Public on 07/23/2026 08:56

Neuer Bericht: Hunger in Gaza trotz fragiler Fortschritte durch ausgeweitete Hilfe

Die heute veröffentlichte jüngste IPC-Analyse für den Gazastreifen zeigt sowohl die Wirkung kontinuierlicher humanitärer Unterstützung als auch das Ausmaß der weiterhin bestehenden Herausforderungen.

Rom/New York - Neue Analysen zeigen Verbesserungen bei der Ernährungssicherheit und der Ernährungsituation von Kindern im gesamten Gazastreifen. Die Vereinten Nationen warnen jedoch, dass diese Fortschritte fragil bleiben. Sie wurden vor allem durch einen verbesserten Zugang zu humanitärer Unterstützung in den Bereichen Nahrungsmittelhilfe, Ernährung, Landwirtschaft und Gesundheit ermöglicht. Obwohl der Zugang nach Gaza verbessert wurde, ist mit Kerem Shalom/Abu Salem im Süden weiterhin nur ein Grenzübergang geöffnet. Dadurch bleibt die Einfuhr lebenswichtiger Güter begrenzt, die für den Wiederaufbau benötigt werden, und der Großteil der Bevölkerung ist weiterhin auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Menschen in Gaza kämpfen nach wie vor darum, ihre Lebensgrundlagen, lokale Ernährungssysteme und grundlegende Dienstleistungen wiederherzustellen.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), UNICEF und das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) betonen, dass die verbesserten Indikatoren zur Ernährungssicherheit zeigen, wie schnell sich die Situation verbessern kann, wenn humanitäre Hilfe und wirtschaftliche Aktivitäten ausgeweitet werden. Gleichzeitig warnen die Organisationen, dass viele Familien in Gaza weiterhin Schwierigkeiten haben, ihre Grundbedürfnisse zu decken. Ohne anhaltende humanitäre Unterstützung, die Wiederbelebung des Privatsektors, ausreichende Finanzierung und Investitionen in den Wiederaufbau könnten die erzielten Fortschritte rasch wieder verloren gehen.

Die jüngste Analyse im Rahmen der Integrierten Klassifizierung der Gesicherten Ernährung (IPC) zeigt, welche Bevölkerungsgruppen am stärksten betroffen sind, und dokumentiert Verbesserungen seit Dezember 2025.

  • Schätzungsweise 1,4 Millionen Menschen - rund 67 Prozent der Bevölkerung Gazas - befinden sich aktuell in einer Krise oder einer noch schwereren Situation akuter Ernährungsunsicherheit (IPC-Stufe 3 oder höher). Ende vergangenen Jahres waren es noch 1,6 Millionen Menschen beziehungsweise 77 Prozent der Bevölkerung.
  • Rund 212.000 Menschen leben weiterhin unter Bedingungen der Notlage (IPC-Stufe 4). Viele von ihnen befinden sich in Gebieten nahe der von Israel kontrollierten Militärlinie, wo der Zugang zu humanitärer Hilfe und grundlegenden Dienstleistungen besonders schwierig bleibt.
  • In vier Gouvernements (Nord-Gaza, Gaza, Deir al-Balah und Khan Younis) wird ein Niveau der Mangelernährung der IPC-Alarmstufe 2 erwartet. Einige Gebiete nahe der sogenannten "gelben Linie" waren während des Erhebungszeitraums für Analysten nicht zugänglich, weshalb dort keine ausreichenden Daten für eine Einstufung vorlagen.

Seit dem Abschluss des Waffenstillstandsabkommens im Oktober 2025 wurden die Ernährungshilfe erheblich ausgeweitet. Allein im Mai 2026:

  • erhielten rund 1,5 Millionen Menschen Lebensmittelpakete,
  • erreichte Mehrzweck-Bargeldhilfe rund 700.000 Menschen,
  • wurden 60 Prozent der Kinder unter fünf Jahren mit Ernährungsmaßnahmen erreicht; gleichzeitig verbesserte sich der Zugang zur Behandlung akuter Mangelernährung.

Zum Vergleich: Im September 2025 erreichten Nahrungsmittelhilfen etwa 500.000 Menschen, und weniger als ein Prozent der Kinder unter fünf Jahren erhielt Ernährungsunterstützung. Unmittelbar nach der Ausweitung der Hilfsmaßnahmen wurden Verbesserungen bei der Ernährungssicherheit festgestellt. Die aktuelle IPC-Analyse bestätigt, dass sich dieser Trend fortgesetzt hat. Dennoch bleiben die Lebensmittelrationen hinsichtlich Menge, Qualität und Ernährungsvielfalt unzureichend. Zusätzlich verschärft die unregelmäßige Einfuhr von frischem Obst, Gemüse und proteinreichen Lebensmitteln die Situation.

Der Rückgang der Mangelernährung ist vor allem auf die rasche Ausweitung präventiver Ernährungsprogramme sowie auf einen verbesserten Zugang zur Behandlung schwerer und moderater Mangelernährung zurückzuführen. Diese Fortschritte hängen jedoch weiterhin stark von humanitärer Hilfe ab. Sie wurden trotz anhaltender Engpässe bei nährstoffreichen Lebensmitteln, wiederkehrender Krankheitsausbrüche, eingeschränktem Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen sowie des beinahe vollständigen Zusammenbruchs vieler Lebensgrundlagen erreicht.

Dennoch werden in den kommenden zwölf Monaten voraussichtlich etwa 74.000 Kinder eine Behandlung wegen akuter Mangelernährung benötigen. Zudem werden in diesem Zeitraum rund 25.000 schwangere und stillende Frauen auf Ernährungsunterstützung angewiesen sein.

Während ein umfassender Wiederaufbau von Lebensgrundlagen und wirtschaftlicher Aktivität noch nicht begonnen hat, gibt es erste Anzeichen dafür, dass lokale Lebensmittelproduktion wiederhergestellt werden kann, sofern Landwirtinnen und Landwirte Zugang zu landwirtschaftlichen Flächen, Betriebsmitteln, Viehbeständen, tiermedizinischer Versorgung und grundlegenden Dienstleistungen wie Energie für Bewässerung erhalten.

Dies zeigt sich bereits im Viehzuchtsektor: In Gebieten mit kontinuierlicher Unterstützung sind die Schafbestände um 33 Prozent gestiegen. Viele Gemeinden beweisen große Kreativität und Widerstandskraft beim Wiederaufbau kleiner wirtschaftlicher Aktivitäten. Allerdings sind diesen Bemühungen Grenzen gesetzt, solange Beschränkungen für die Einfuhr von Gütern in den Gazastreifen bestehen bleiben.

Mehr als 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen Gazas sind derzeit unzugänglich. Unabhängig vom Ausmaß der Schäden oder vom Zugang zu Betriebsmitteln können sie daher nicht genutzt werden. Lediglich drei Prozent der landwirtschaftlichen Flächen sind derzeit tatsächlich nutzbar. Ein Wiederaufbau im großen Maßstab wird nicht möglich sein, solange diese Flächen unzugänglich bleiben und Einfuhrbeschränkungen für kommerzielle sowie humanitäre Agrargüter fortbestehen. Dazu zählen auch nicht als Dual-Use-Güter eingestufte Betriebsmittel wie Saatgut, organische Düngemittel, befruchtete Eier und Kleintiere. Zudem bleibt der Zugang zum Meer untersagt, was die Möglichkeiten einschränkt, Nahrung zu produzieren, Einkommen zu erzielen und Existenzen wiederaufzubauen.

FAO, UNICEF und WFP betonen, dass dauerhafter Frieden sowie Sicherheit unverzichtbar sind, damit Menschen auf ihre Felder, in ihre Unternehmen und Gemeinden zurückkehren und ihr Leben neu aufbauen können. Ebenso entscheidend für die Erholung Gazas ist die kontinuierliche Bereitstellung lebensrettender Hilfe über alle humanitären Korridore durch Jordanien, Israel und Ägypten sowie über Grenzübergänge im Norden und Süden des Gazastreifens.

Die Organisationen fordern außerdem die sofortige Bereitstellung von Unterkünften, Treibstoff, Kochgas und landwirtschaftlichen Betriebsmitteln über den Privatsektor sowie eine Ausweitung des kommerziellen Zugangs, damit sich Märkte stabilisieren und erholen können. Ebenso wichtig sei die Wiederherstellung von Wasser-, Sanitär- und Gesundheitssystemen, da andernfalls Krankheitsausbrüche die erzielten Fortschritte bei der Ernährungslage wieder zunichtemachen könnten.

Die Organisationen appellieren an die internationale Gemeinschaft, flexible und verlässliche Finanzmittel für Nahrungsmittel- und Ernährungshilfe, landwirtschaftliche Produktion, Gesundheitsversorgung, Wasser- und Sanitärdienste sowie Programme zur Wiederherstellung von Lebensgrundlagen bereitzustellen. Da die aktuell verfügbaren Mittel für die Arbeit in Palästina rasch zur Neige gehen, droht ohne zusätzliche Finanzierung ein Rückschlag der mühsam erzielten Fortschritte und eine weitere Verschärfung der Lage für die 2,1 Millionen Menschen in Gaza.

"Die gesicherte Ernährung im Gazastreifen kann sich nur dann erholen, wenn die lokale Nahrungsmittelproduktion wieder in Gang kommt und Landwirte, Viehzüchter, Fischer und andere Erzeuger ihre Existenzgrundlagen wiederaufbauen können", sagte FAO-Generaldirektor QU Dongyu. "Die Erzeuger benötigen Zugang zu Ackerland und zum Meer sowie zu Saatgut, Werkzeugen, Viehfutter und anderen landwirtschaftlichen Betriebsmitteln sowie technische Unterstützung. Beschränkungen für landwirtschaftliche Importe und humanitäre Hilfslieferungen müssen aufgehoben werden. Ohne diese lebenswichtigen Güter werden die Nahrungsmittelproduktion und die gesicherte Ernährung weiterhin eine dringliche Situation darstellen."

"Es gibt Fortschritte bei der gesicherten Ernährung im Gazastreifen, doch diese sind fragil und können leicht zunichte gemacht werden", sagte Carl Skau, amtierender Exekutivdirektor des WFP. "Die humanitäre Lage ist insgesamt nach wie vor dramatisch: Den Familien mangelt es an Wasser, sanitären Einrichtungen und Medikamenten. Wir brauchen dauerhaften Zugang, Finanzierung und Stabilität, damit die Menschen im Gazastreifen mit dem Wiederaufbau beginnen können."

"Die akute Unterernährung ist zurückgegangen, doch viele Kinder leiden weiterhin Hunger, und manche Kinder werden sich möglicherweise nie vollständig von dem anhaltenden Mangel an angemessener Ernährung erholen", sagte UNICEF-Exekutivdirektorin Catherine Russell. "Diese Fortschritte zeigen, dass Kinder vor dem Abgrund gerettet werden können, wenn sich der humanitäre Zugang verbessert und Hilfe ankommt. Doch dies hängt von einem Zusatzernährungsprogramm ab, das nicht alle Kinder erreicht und dessen Mittel zur Neige gehen. Ohne nachhaltigen Zugang und Finanzierung könnten diese Erfolge innerhalb weniger Monate zunichte gemacht werden."

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Klassifizierung von Ernährungsunsicherheit und Unterernährung: Die "Integrated Food Security Phase Classification" (IPC) ist der weltweite Maßstab zur Messung und Einstufung des Schweregrads von Ernährungsunsicherheit und Unterernährung bei Kindern. Sie verwendet fünf Phasen, um den Schweregrad akuter Ernährungsunsicherheit und Unterernährung zu beschreiben:

Phase Klassifizierung Beschreibung
Phase 1 Keine/Minimal Die Haushalte sind in der Lage, ihren grundlegenden Bedarf an Lebensmitteln und anderen Gütern zu decken, ohne auf atypische oder nicht nachhaltige Strategien zurückgreifen zu müssen, um sich Lebensmittel und Einkommen zu beschaffen.
Phase 2 Belastet Die Haushalte verfügen über eine minimal ausreichende Nahrungsaufnahme und können wesentliche Ausgaben für Nicht-Lebensmittel decken, ohne auf Strategien zur Stressbewältigung zurückgreifen zu müssen.
Phase 3 Krise Die Haushalte weisen entweder Versorgungslücken bei der Ernährung auf, die sich in einer überdurchschnittlich hohen akuten Unterernährung äußern, oder sie sind nur knapp in der Lage, den minimalen Nahrungsbedarf zu decken, indem sie unverzichtbare Existenzgrundlagen aufbrauchen oder Strategien zur Krisenbewältigung anwenden.
Phase 4 Notlage Die Haushalte weisen entweder große Lücken im Nahrungsmittelverbrauch auf, die sich in hoher akuter Unterernährung und überhöhter Sterblichkeit äußern, oder sie können große Lücken im Nahrungsmittelverbrauch nur durch den Einsatz von Notfallstrategien zur Sicherung des Lebensunterhalts und die Veräußerung von Vermögenswerten abmildern.
Phase 5 Katastrophe Die Haushalte leiden unter extremem Nahrungsmittelmangel und/oder sind selbst nach vollständiger Ausschöpfung aller Bewältigungsstrategien nicht in der Lage, andere Grundbedürfnisse zu decken. Hunger, Tod, Verarmung und extrem kritische Werte akuter Unterernährung sind offensichtlich. Der Begriff "Katastrophe" bezieht sich auf Bevölkerungsgruppen oder Haushalte, die sich in diesem Stadium der Ernährungsunsicherheit befinden oder voraussichtlich erreichen werden.
Phase 5 Hungersnot Für die Einstufung als "Hungersnot" muss ein Gebiet extrem kritische Werte bei Unterernährung und Sterblichkeit aufweisen.
IPC-AMN-Phase Klassifizierung Prävalenz der Unterernährung Beschreibung
Phase 1 Akzeptabel <5 % Die akute Unterernährung liegt auf einem relativ niedrigen Niveau und wird nicht als großes Problem für die öffentliche Gesundheit angesehen. Die meisten Kinder weisen einen angemessenen Zustand der Ernährung auf.
Phase 2 Alarm 5,0-9,9 % Die akute Unterernährung liegt über dem Normalwert und erfordert eine genaue Überwachung sowie Präventionsmaßnahmen, um eine Verschlechterung zu verhindern.
Phase 3 Schwerwiegend 10,0-14,9 % Die akute Unterernährung hat ein schwerwiegendes Ausmaß für die öffentliche Gesundheit erreicht. Eine beträchtliche Anzahl von Kindern ist unterernährt und benötigt umfassende Maßnahmen zur Ernährung.
Phase 4 Kritisch 15,0-29,9 % Die akute Unterernährung hat ein kritisch hohes Ausmaß erreicht. Das Krankheits- und Sterberisiko bei Kindern ist erhöht, was dringende, groß angelegte Maßnahmen zur Sicherung der Ernährung und zur gesicherten Ernährung erfordert.
Phase 5 Extrem kritisch ≥ 30 % Die akute Unterernährung hat ein extrem kritisches Ausmaß erreicht, was mit außergewöhnlich hohen Risiken für die Gesundheit und das Überleben von Kindern einhergeht. Sofortige, umfassende Maßnahmen sind erforderlich.
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