02/27/2026 | Press release | Distributed by Public on 02/27/2026 06:24
"Mehr Technik bedeutet nicht sinnvollere Lernumgebungen"
Sein Studium begann während der Corona-Pandemie - zunächst rein digital, später im ständigen Wechsel zwischen Online- und Präsenzformaten. Für Felix Jahn wurde damals deutlich, wie stark Räume Lernprozesse prägen. Heute absolviert er den Master in Architektur an der TUM und ist Future Scout des Stifterverbands. Im Interview erklärt er, wie Raum, Didaktik und Technologie an Hochschulen zusammenspielen sollten.
Im Zuge der Digitalisierung und der Kompetenzorientierung verändern sich Lehrveranstaltungen von synchron-rezeptiven Formaten - also Veranstaltungen, bei denen viele gleichzeitig teilnehmen und hauptsächlich zuhören - hin zu interaktiveren Settings. Diese Entwicklung wird durch zu rigide Strukturen oft ausgebremst - und damit meine ich ganz konkrete, physische Strukturen. Denn häufig erschwert schon die bauliche Beschaffenheit von Lehrräumen kollaborativere Lernsettings.
Die meisten Lernumgebungen priorisieren derzeit noch frontal-rezeptive Settings, wie klassische Hörsäle und Seminarräume mit festem Dozierendenpult vorne und fest gereihter Bestuhlung. Daher taucht vermehrt eine Diskrepanz auf zwischen dem, was didaktisch sinnvoll wäre, und dem, was möglich ist. Unser Status quo ist einerseits dominiert durch alte Bestände, andererseits durch hochtechnisierte Umgebungen. Mehr Technik bedeutet jedoch nicht sinnvollere Lernumgebungen.
Als Future Scout werfe ich einen langfristigen Blick auf mögliche Zukünfte und untersuche, was wir davon schon heute umsetzen können. Hier bieten Foresight und Futuring-Prozesse Anknüpfungspunkte. Sie zeigen Visionen, wie Hochschulen in Zukunft funktionieren könnten, und lassen Rückschlüsse darauf zu, wie wir bereits jetzt Schritte in die richtige Richtung gehen können.
Gute Lernumgebungen sind meist nicht sonderlich spektakulär. Oft wirken sie anregender, einladender oder intuitiver, aber auf den ersten Blick ist meist nicht viel mehr zu erkennen. Dafür gibt es spannende Beispiele wie an der NTNU in Trondheim: Dort werden Vorteile von Hörsälen und Seminarräumen durch großflächig getreppte Gruppenarbeitsbereiche kombiniert. Doch solche kostenintensiven Maßnahmen sind meist nicht nötig. Oft können schon kleine, bewusste Entscheidungen viel ermöglichen - ohne signifikante Mehrkosten.
Das entspricht auch meinem größten Learning der letzten Jahre: Bei innovativen, hybriden Lernumgebungen geht es nicht um die beste und umfassendste technische Ausstattung oder die schönsten Möbel. Die größere Herausforderung besteht in der engen Verzahnung von Lehre, Lernen und Raum sowie in der intuitiven Zugänglichkeit räumlicher Möglichkeiten.
Die meisten Technologien bieten zunächst großes Potenzial. Wichtig ist immer, sie primär als Unterstützung im Lernprozess zu sehen und ganz bewusst als Mittel für dieses Ziel einzusetzen. Oft ist zu beobachten, dass Technologie eingesetzt wird, um analoge Prozesse und Gewohnheiten 1:1 ins Digitale zu übertragen, oder dass technologische Möglichkeiten als Add-On genutzt werden. So bringen sie das Lernen nicht ernsthaft voran. Eine große Bereicherung entsteht erst dann, wenn Tools bewusst in die Lehrkonzeption integriert werden, um eine vielfältigere, interaktivere oder tiefgreifendere Auseinandersetzung zu ermöglichen.
Die Individualisierung von Lernprozessen sollte selbstverständlich sein. Dafür sollte die Zusammenarbeit mit Lehrenden stärker eine leitende als eine vermittelnde Rolle übernehmen und beidseitige Lernprozesse ermöglichen. Parallel braucht es zuverlässige und niederschwellige hybride Infrastrukturen. Denn gerade, wenn wir individueller lernen wollen, gewinnt die Kultur einer Hochschulgemeinschaft an Bedeutung: Lernen sollte in zehn Jahren heißen, voneinander zu lernen, in einen aktiven Austausch zu kommen und gemeinsam kritisch zu hinterfragen. Und für mich ist klar: Die Hochschule als physischer Ort einer demokratischen Gemeinschaft wird dabei eine zentrale Rolle spielen - sowohl im formellen Lernraum als auch auf dem Campus selbst.
Felix Jahn studiert Architektur im Master an der TUM. Als Future Scout im Fellowship-Programm des Stifterverbands und der Reinhard-Frank-Stiftung befasst er sich mit strategischer Hochschulentwicklung und zukunftsfähigen Lernumgebungen. Zuvor forschte er an der TH Köln zu hybriden Lehr-Lernorten und entwickelte eine ko-kreative Methode zur Lernraumgestaltung mit. Er betrachtet Lernumgebungen aus architektonischer Perspektive und verbindet Designmethodik mit Fragen der Lehre. Zudem engagiert er sich als Mentor der Initiative DigitalChangeMaker des Hochschulforums Digitalisierung.
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