10/10/2026 | Press release | Distributed by Public on 10/10/2026 03:32
Vor wenigen Tagen schwebte die französische Astronautin Sophie Adenot der Europäischen Weltraumorganisation ESA noch in der Internationalen Raumstation ISS. Fast acht Monate dauerte ihre Mission εpsilon (Epsilon). Gleich dreimal hieß es für sie: raus aus der ISS zum Außenbordeinsatz, den körperlich und mental anstrengenden EVA (Extravehicular Activity), nur mit einem Raumanzug zwischen sich und dem Vakuum des Weltraums. Jetzt beginnt für Adenot ein weniger spektakulärer, aber ebenso wichtiger Teil ihrer Mission: die Rückkehr in die Schwerkraft. Nach ihrer Landung gestern wurde Adenot am 10. Oktober 2026 im Rahmen des sogenannten Direct Returns ins :envihab gebracht, der Hightech-Forschungsanlage des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln. Dort begleiten die Expertinnen und Experten von DLR und ESA Sophie Adenot bei ihren ersten zwei Wochen zurück auf der Erde. Ganz nah dabei: die deutsche Missionsärztin der Astronautin, Prof. Bimba Hoyer.
Monate in der Schwerelosigkeit haben einen enormen Einfluss auf den menschlichen Körper. Zurück auf der Erde muss er sich wieder langsam an die Bedingungen auf der Erde anpassen. Kreislauf, Gleichgewicht, Muskulatur, Koordination oder auch die Flüssigkeitsverteilung im ganzen Körper - physiologisch ist die Rückkehr aus der Schwerelosigkeit fordernd. "Ein wichtiges raumfahrtmedizinisches Thema sind die Augen, die sich in der Schwerelosigkeit verändern, zum Beispiel die Sehstärke betreffend. Oder der Sehnerv kann dicker werden", erläutert Prof. Hoyer. "Das und viel mehr kontrollieren wir nach der Rückkehr zur Erde. So wissen wir, dass die Koordination unter 'normaler' Schwerkraft zunächst schwierig ist. Um die Ecke laufen wird auf einmal zur Herausforderung. Und auch der Blutdruck muss sich erst wieder an die Umstände hier unten gewöhnen. Das sind die wichtigsten Felder, die wir hier im :envihab angehen - neben der Rückenmuskulatur, die auf der ISS einfach nicht arbeiten muss."
Für Sophie Adenot ist Prof. Bimba Hoyer auch in dieser letzten Missionsphase eine zentrale Ansprechpartnerin. Die Ärztin des DLR-Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin und der ESA begleitet die Astronautin bereits über die gesamte Mission als sogenannte Fliegerärztin, im Englischen "Flight Surgeon". Diese Rolle reicht weit über medizinische Routinen hinaus: Hoyer ist Schnittstelle zwischen 'ihrer' Astronautin, dem medizinischen Bodenteam und dem wissenschaftlichen, organisatorischen und technischen Missionsbetrieb. Beim EVA, dem herausfordernden und mehrere Stunden dauernden Außenbordeinsatz - im Englischen wie Deutschen oft etwas despektierlich "Space Walk" beziehungsweise "Weltraumspaziergang" genannt - war Prof. Hoyer aus dem Kontrollraum der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA in Houston live dabei und stets reaktionsbereit, sollten medizinische Fragen ad hoc zu klären sein.
Während ihres Aufenthalts im All führte Adenot eine Vielzahl wissenschaftlicher Experimente aus unterschiedlichen Disziplinen durch. Dabei war sie entweder selbst das "Versuchsobjekt" oder übernahm die Durchführung der Experimente als "verlängerter Arm" der jeweiligen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Erde. Die Versuche decken ein breites Spektrum ab, darunter Medizin und Physiologie, körperliche Leistungsfähigkeit, Mikrobiologie, Geowissenschaften und Raumfahrttechnologie.
Während ihrer Mission wurde Sophie Adenot zur europäischen Astronautin mit dem längsten Raumflug. Anfang September 2026 überschritt sie die Marke von 200 Tagen im Orbit. Sie absolvierte außerdem innerhalb von 15 Tagen drei Weltraumausstiege und verzeichnete dabei in Summe fast 20 Stunden EVA-Zeit. Das alles sind körperliche Höchstleistungen. Aber eben alles ohne Schwerkraft.
Nicht jede körperliche Veränderung nach Monaten im All ist nach der Rückkehr in die Schwerkraft ein medizinisches Problem. Vieles gehört zur erwarteten physiologischen Anpassung durch die Langzeitmission, zu dem es ein spezielles, ausgereiftes Trainingsprogramm zur Wiedergewöhnung an die Gravitation gibt.
Reine Untersuchungsdaten und Messwerte sind zwar wichtig, aber sie ergeben noch kein medizinisches Gesamtbild. Was berichtet die Astronautin selbst? Hat sie Beschwerden? Welche subjektiven Beobachtungen lassen sich mit medizinischen Daten verbinden? Das Direct-Return-Programm dauert in der Regel zehn bis 14 Tage. Auch dabei kommt die besondere Rolle und Nähe der Missionsärztin Bimba Hoyer zum Tragen, die Adenot über die gesamte Zeit sehr gut kennen- und einschätzen gelernt hat. 21 Monate vor dem Launch im Februar dieses Jahres kam die Fliegerärztin mit ihrer Astronautin zusammen - genug Zeit, damit ein Vertrauensverhältnis wachsen konnte. Und so werden Adenot, Hoyer und das Team von DLR und ESA die Mission εpsilon mit ihrem holistischen Ansatz und dem ausgefeilten Programm am :envihab wissenschaftlich wie medizinisch zu einem erfolgreichen Abschluss bringen.
Die Betreuung europäischer Astronauten und Astronautinnen im :envihab - der luft- und raumfahrtmedizinischen Forschungseinrichtung des DLR - unmittelbar nach ihrer Landung auf der Erde erfolgt nun seit Jahren in Teamarbeit zwischen DLR und ESA. Alexander Gerst war 2014 der erste ESA-Astronaut, der von seiner ISS-Mission Blue Dot direkt nach Köln zurückkehren konnte.
Das :envihab ist für die Astronauten und Astronautinnen nicht nur der Ort, an dem die Experimente und Untersuchungen stattfinden - es ist ihre "Heimat" für die ersten Tage nach der Landung. Dazu werden Räumlichkeiten für die Crew und Familienangehörige wohnlich hergerichtet: Schlafräume, Wohnbereich, Küche und Bäder in einem privaten, abgeschlossenen Bereich bieten den Zurückkehrenden für die erste Zeit einen Rückzugsort nach der aufregenden Mission.
Neben der Unterstützung der Rückkehrenden bei der Wiedergewöhnung an das Leben auf der Erde geht es bei einem Direct Return stets gleichzeitig auch um weitere wissenschaftliche, medizinische Experimente. Deren Durchführung gehört noch genauso zur Mission wie der Aufenthalt auf der ISS.
Das Ziel der Arbeit im :envihab ist es, immer bessere Informationen über die Auswirkung der Schwerelosigkeit auf den menschlichen Körper zu erhalten. Auf dieser Grundlage werden die Trainingsprogramme vor, während und nach dem Weltraumaufenthalt sowie weitere geeignete Gegenmaßnahmen für die negativen Effekte der Schwerelosigkeit entwickelt.