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10/07/2026 | News release | Distributed by Public on 10/06/2026 21:59

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07.10.2026 Grundlagenforschung

«Dinge neu denken»

Grundlagenforschung gerät politisch und gesellschaftlich zunehmend unter Druck. Ob Mensch, Umwelt oder Universum - ohne ein detailliertes Verständnis von Systemen aller Art gibt es keinen wissenschaftlichen Fortschritt, sagen UZH-Prorektorin Elisabeth Stark und Statistiker Servan Grüninger.
Autor: Roger Nickl
Setzen sich für eine florierende Grundlagenforschung ein: Statistiker Servan Grüninger und Prorektorin Elisabeth Stark im Garten des Stockarguts. (Bild: Ursula Meisser)

Elisabeth Stark, Servan Grüninger, Sie haben sich zusam­men mit Vertreter:innen aus Forschung, Forschungs­förderung und Wissenschafts­kom­mu­ni­kation in einem Arbeits­papier mit dem Wert und der Bewertung von Grund­lagen­forschung auseinander­gesetzt. Weshalb?

Elisabeth Stark: Unsere Beobachtung ist, dass die Grundlagenforschung zunehmend unter Druck gerät. Es wird forschungspolitisch und gesellschaftlich schwieriger, Projekte aus diesem Bereich zu legitimieren und Bewilligungen etwa für tierexperimentelle Forschung zu erhalten. Im Arbeitspapier wollten wir den Wert von Grundlagenforschung deutlich machen und dazu beitragen, Bewertungskriterien für Projekte zu schärfen. Grundlagenforschung wird häufig deshalb falsch verstanden, weil man die Idee hat, alle Forschung müsse einen praktischen, anwendbaren Nutzen haben. Das ist nicht per se der Fall.

Können Sie ein Beispiel machen?

Stark: Als Sprachwissenschaftlerin arbeite ich auch theoretisch. Ich frage mich etwa, weshalb der bestimmte Artikel im Französischen und in anderen Sprachen in spezifischen Kontexten auftritt. Dabei geht es darum, besser zu verstehen, wie Sprach- und Denksysteme funktionieren. Dieses Wissen hat keinen praktischen Nutzen etwa für den Schulunterricht oder für automatische Übersetzungen. Der Wert dieser Forschung ist, mehr über Sprache an sich zu erfahren und darüber, wie sie funktioniert. Ich bin überzeugt: Dieses grundsätzliche Wissenwollen ist eine genuine Eigenschaft unserer Spezies.

Servan Grüninger: Gesellschaft und Politik sind an Forschung interessiert, die einen praktischen Nutzen verspricht. Die Frage nach dem Wert von Forschung ist legitim und wichtig. Problematisch ist allerdings, wenn von Projekten der Grundlagenforschung verlangt wird, einen unmittelbaren Nutzen, quasi für den Alltagsgebrauch, nachzuweisen. Damit wird das Fundament untergraben, auf dem später jener Nutzen aufbaut, den Gesellschaft und Politik wollen. Forschung, die grundlegend neues Wissen schafft, braucht Zeit und Freiraum, um die Welt präzise zu beschreiben und zu verstehen.

Inwiefern ist Grundlagenforschung die Basis für Innovation?

Stark: Ohne etwas grundlegend zu verstehen, kann man nichts Neues entwickeln. Ich denke beispielsweise an die Immunologie. Man muss das Immunsystem grundsätzlich begreifen, um Krankheiten, Viren, Bakterien oder Autoimmunerkrankungen wirksam bekämpfen zu können. Letzteres ist nicht das primäre Ziel der Grundlagenforschung in diesem Bereich. Aber diese Forschung ist Voraussetzung für Wissenschaftler:innen, die nach einem neuen Krebsmedikament oder einem neuen Antibiotikum suchen. Ohne ein detailliertes Verständnis für Systeme aller Art - Mensch, Umwelt, unser Universum - kann es keinen wissenschaftlichen Fortschritt geben.

Grüninger: Ein anderes Beispiel ist die künstliche Intelligenz. Die heutigen KI-Systeme basieren auf statistischen Modellen, deren Entwicklung vor rund achtzig Jahren begonnen hat. In den 1940er-Jahren versuchten Forschende aus Mathematik und Neurobiologie, die Funktionsweise des menschlichen Gehirns mit mathematischen Modellen, sogenannten neuronalen Netzen, zu beschreiben. Dass daraus einmal Systeme entstehen würden, die Autos steuern und Texte verfassen, konnten sie nicht ahnen. Und der Weg dahin war steinig. Weil der praktische Nutzen zuerst kleiner war als erhofft, wurden Fördermittel wiederholt gekürzt. Weitergeforscht wurde trotzdem. Zum Glück. Denn als leistungsfähige Computer und grosse Datenmengen dazukamen, zeigte sich, wie nützlich neuronale Netzwerke für eine Vielzahl von Anwendungen sind.

Wir können nicht vorhersehen, welches Wissen wir in fünfzig Jahren brauchen. Deshalb sollte die Grundlagenforschung nicht eingeengt und auf einen unmittelbaren Nutzen getrimmt werden. Sonst riskieren wir, in eine Sackgasse zu geraten, und verlieren die Möglichkeit, Dinge grundsätzlich zu hinterfragen und neu zu denken. Genau dies kann und soll Grundlagenforschung leisten.

Stark: Gerade wenn es um Digitalisierung, KI und deren Anwendung geht, sind auch die Geistes- und Sozialwissenschaften wichtig, die gesellschaftlich und politisch zuweilen unter Legitimationsdruck stehen. Fächer wie Philosophie, Theologie oder Psychologie fragen grundsätzlich danach, was der Mensch ist. Sie untersuchen beispielsweise, was mit Menschen passiert, die sich im Smartphone verlieren oder Maschinen plötzlich menschliche Qualitäten zuschreiben. Und sie untersuchen, was diese Entwicklungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie bedeuten. Das sind ganz allgemeine Fragen, aus denen keine Schulbücher entstehen, und es lassen sich daraus auch keine Wahlempfehlungen ableiten. Aber diese Forschung hilft der Gesellschaft, sich angesichts rasanter Veränderungen besser zu orientieren.

Die Schweiz leistet sich Grundlagenforschung auf hohem Niveau - wenn man diese Grundlage schwächt, ist irgendwann der Innovationstrichter leer.

Elisabeth Stark
Sprachwissenschaftlerin und Prorektorin Forschung

Was sind die Folgen, wenn Forschende zu stark auf unmittelbaren Nutzen verpflichtet werden?

Grüninger: Dann verschieben sich die Anreize. Wenn Forschende in drei Jahren zeigen müssen, dass sie Krebs heilen oder das Universum erklären, entsteht Druck, schnelle Ergebnisse zu produzieren. Das gefährdet methodisch sauberes Arbeiten, sorgfältige Datenerhebung, Peer Review und Reproduzierbarkeit. Wenn wir Ergebnisse produzieren, die nicht verlässlich sind, untergraben wir das Vertrauen in die Wissenschaft.

Stark: In Forschungsanträgen müssen wir heute oft «Relevance and Impact» beschreiben. Bei vielen Grundlagenprojekten ist das die falsche Frage. Man sollte erklären müssen, wie ein Projekt ein Forschungsparadigma prüft, erweitert oder infrage stellt. Aber man sollte nicht immer behaupten müssen, daraus entstehe ein Spin-off, eine Policy oder ein Medikament. Vielleicht entsteht daraus nie eine direkte Anwendung. Trotzdem wissen wir danach mehr über den Menschen, über Sprache, über Natur oder Gesellschaft.

Grüninger: Der Druck kann sogar dazu führen, dass bestimmte Fragen gar nicht mehr gestellt werden. Wenn Forschende merken, dass eine Idee zu theoretisch, zu neu oder zu schwer verwertbar ist, verzichten sie vielleicht auf einen Antrag. Damit wird der qualitative Kern der Wissenschaft gefährdet.

In der biomedizinischen Grundlagenforschung spielen Tierversuche eine wichtige Rolle. Weshalb braucht es diese Experimente?

Stark: Weil man einen lebenden Organismus braucht, wenn man einen lebenden Organismus verstehen will. Bei konkreten Wirkstofftests gibt es heute gute Ersatzmethoden, etwa Organoide oder Organ-on-a-chip-Systeme. Aber wenn man verstehen will, wie ein Organismus als Ganzes funktioniert, reicht das oft nicht. Tierversuche müssen aber gut begründet und ethisch vertretbar sein.

Grüninger: Tierversuchsfreie Methoden funktionieren gut in Bereichen, in denen wir schon genug über einen Teil eines biologischen Systems wissen, um ihn nachzuahmen. Wenn es beispielsweise darum geht, Hautreizungen durch chemische Stoffe zu testen, lassen sich Tierversuche schon länger teilweise oder vollständig ersetzen. In der Grundlagenforschung ist das schwieriger. Wenn wir zum Beispiel verstehen wollen, wie angeborene Krankheiten entstehen oder wie sich das Gehirn entwickelt, können wir dazu nicht allein Zellkulturen verwenden. Die Forschung an Tieren beantwortet Fragen, die anderweitig aus praktischen oder ethischen Gründen nicht untersucht werden könnten.

Wie wird der Erkenntnisgewinn gegen die Belastung der Tiere abgewogen?

Stark: Das Tierschutzgesetz schreibt eine Güterabwägung vor. Der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn wird der Belastung des Tiers gegenübergestellt. Die Belastung ist in Schweregrade eingeteilt, und je höher sie ist, desto höher sind die Hürden. Unser Eindruck ist, dass Grundlagenforschung in dieser Abwägung zu­nehmend unter Druck gerät. Das reine Wissenwollen wird teilweise weniger stark gewichtet als eine nahe bio­medizinische Anwendung.

Grüninger: Die Situation ist rechtlich und politisch anspruchsvoll. Das Gesetz anerkennt die Grundlagenforschung als legitimen Zweck für die Forschung mit Tieren. Gleichzeitig gibt es Gerichtsurteile, die in bestimmten Fällen höhere Ansprüche an die Grundlagenforschung stellen, was die Rechtfertigung ihrer Forschung anbelangt. Grundlagenforschende müssen damit besser erklären können, weshalb der Erkenntnisgewinn ihrer Projekte Gewicht haben sollte, als ihre Kolleg:innen in der angewandten Forschung. Am Ende ist es aber auch eine gesellschaftspolitische Entscheidung, welchen Stellenwert die Grundlagenforschung in diesem und anderen Bereichen haben soll - diese Debatten sollten wir führen.

Braucht die Grundlagenforschung neue Rahmenbedingungen?

Stark: Zunächst müssen wir die gute Ausgangslage in der Schweiz verteidigen. Der Schweizerische Nationalfonds fördert exzellente Forschung und hält Räume für nicht unmittelbar anwendungsorientierte Projekte offen. Im internationalen Vergleich ist das ein grosser Vorteil. Die Schweiz leistet sich Grundlagenforschung auf hohem Niveau - das ist die Voraussetzung für vieles, was später kommt. Wenn man diese Grundlage schwächt, ist irgendwann der Innovationstrichter leer.

Grüninger: Zentral ist die Trennung der Bewertungs­ebenen. Wir unterscheiden drei: das einzelne Projekt, das Forschungsprogramm und die gesellschaftliche Wirkung. Auf der Ebene des einzelnen Forschungsprojekts sollten innerwissenschaftliche Kriterien im Vordergrund stehen: Methode, Plausibilität, Transparenz, Beitrag zum Forschungsprogramm. Ob ein Forschungsprogramm gesellschaftlich bedeutsame Fragen adressiert, ist eine andere Frage, und die darf und soll demokratisch diskutiert werden. Aber man darf nicht verlangen, dass ein einzelnes Projekt alle gesellschaftlichen Erwartungen an die Forschung als Gesamtsystem erfüllt.

Grundlagenforschung schafft die Erkenntnisbausteine, auf die spätere Wissenschaft aufbaut.

Servan Grüninger
Statistiker

Was bedeutet das konkret für die Forschungsförderung?

Grüninger: Es braucht unterschiedliche Finanzierungsformen. Nicht jedes Projekt muss Grundlagenforschung, Anwendung, Skalierung, Kommunikation und Infrastruktur zugleich leisten. Es braucht Menschen, die sich auf die Grundlagen konzentrieren können; andere, die Wissen übersetzen, und wieder andere, die Anwendungen entwickeln oder Infrastrukturen bereitstellen. Zudem sollte man Forschungsleistungen nicht nach zwei oder drei Jahren beurteilen. Man muss auch 10, 20 oder 30 Jahre zurückschauen und fragen, welche Grundlagen für heutige Anwendungen entscheidend waren.

Stark: Dazu kommt das Verständnis für Zeit und Sorg­falt. Forschung braucht Freiräume, auch finanzielle. Forschende brauchen die Möglichkeit, eine Frage ­gründlich zu bearbeiten, ohne ständig eine unmittelbare Anwen­dung behaupten zu müssen. Gerade für den wissen­schaft­­li­chen Nachwuchs ist das wichtig. Es wäre falsch, wenn sich jemand im Doktorat schon fragen müsste, ob aus seiner theoretischen Frage ein Produkt oder eine Policy entsteht.

Was wollen Sie mit Ihrem Arbeitspapier bewirken?

Stark: Es soll die Diskussion strukturieren. Wir wollten von einem schlechten Bauchgefühl - dem wachsenden Rechtfertigungsdruck - zu einem systematischen Verständnis darüber kommen, wo die Probleme liegen und auf welchen Ebenen sie gelöst werden sollten. Besonders wichtig ist mir, dass die vielen beteiligten Disziplinen sichtbar werden. Es geht nicht um ein Spezialproblem der biomedizinischen Forschung, sondern um eine grundlegende Herausforderung des heutigen Wissenschaftsbetriebs.

Grüninger: Es ist ein Arbeitspapier, mit dem, wie der Name sagt, gearbeitet werden soll. Es liefert nicht die letzte Antwort, sondern einen Rahmen für kommende Diskussionen. Wir schlagen vor, Anreizsysteme, Kommunikation und Evaluation klarer zu unterscheiden. Wir möchten mit der UZH, dem Schweizerischen Na­tionalfonds und anderen Forschungsorganisationen weiterarbeiten und auch politische, juristische und administrative Akteure einbeziehen.

Welches Fazit ziehen Sie aus Ihrer bisherigen Analyse?

Stark: Wir müssen offensiver erklären, weshalb Grundlagenforschung wichtig ist - auch wenn Gegenwind kommt. Es ist besser, diese Debatte aktiv zu führen, als auf den nächsten Sparhammer oder die nächste Bewilligungsdebatte zu reagieren. Bei Tierversuchen etwa kann das Arbeitspapier helfen zu zeigen, wenn Kategorien verwechselt werden: Aus einem Gehirnforschungsprojekt entsteht in drei Jahren kein Alzheimer-Medikament. Vielleicht aber schafft es Wissen, das in 20 oder 30 Jahren entscheidend ist.

Grüninger: Genau darum geht es: Grundlagenforschung schafft die Erkenntnisbausteine, auf denen spätere Wissenschaft, gesellschaftliche Orientierung und Innovation aufbauen. Wenn wir sie nur nach kurzfristigem Nutzen bewerten, verlieren wir langfristig die Fähigkeit, Neues zu verstehen und Neues zu schaffen.

Roger Nickl

Arbeitspapier: Wert und Bewertung von Grundlagenforschung

Grundlagenforschende schaffen neues Wissen und legen das Fundament für spätere Innovationen. Doch die Grundlagenforschung steht unter Druck: Was sich nicht sofort auszahlt, gerät leicht in Erklärungsnot. Das Arbeitspapier «Wert und Bewertung der Grundlagenforschung» der UZH geht der Frage nach, worin der Wert der Grundlagenforschung liegt. Die Antwort: im Wissen selbst. Grundlagenforschung erweitert dieses Wissen und prüft, was in einem Fach als gesichert gilt, und macht so überhaupt erst sichtbar, wo die Grenzen des bisherigen Verständnisses verlaufen. Wer dies aufgibt, forscht in den immer gleichen Bahnen.

Das Arbeitspapier schlägt vor, bei der Bewertung von Grundlagenforschung drei Beurteilungsebenen zu unterscheiden: das einzelne Forschungsprojekt, das Forschungsprogramm und die gesellschaftliche Wirkung. Auf jeder Ebene gelten eigene ­Kriterien und auf jeder kann und sollte der Beitrag der Grundlagenforschung unterschiedlich beschrieben und beurteilt werden. So lässt sich Grundlagenforschung bewerten, ohne ihren Wert für Wissenschaft und Gesellschaft zu gefährden. Das Papier beruht auf Gesprächen und Workshops mit Vertreterinnen und Ver­tretern aus Forschung, Wissenschaftskommunikation und Forschungs­förderung.

Zu den Personen

Elisabeth Stark ist Prorektorin Forschung an der UZH und Professorin für Romanische Sprachwissenschaft. Ihre Hauptinteressen sind die vergleichende Analyse romanischer Artikelsysteme und die Variation im Französischen (vor allem die stilistische Variation zwischen mündlichem und schriftlichem Ausdruck), wobei sie variationistische und formale Ansätze zur Modellierung menschlicher Sprache verbindet.

Servan Grüninger hat sein Studium mit Politikwissenschaften und Recht begonnen und mit Biostatistik und Computational Science abgeschlossen. In seiner Dissertation an der Universität Zürich beschäftigte er sich damit, wie aus Forschungsfragen Daten und aus Daten verlässliche Erkenntnisse werden. Er hat die Arbeitsgruppe «Wert der Grundlagenforschung» geleitet und das Arbeitspapier «Wert und Bewertung der Grundlagenforschung» verfasst.

Weitere Informationen

Der Artikel erschien zuerst im UZH Magazin 3/26 «Den Menschen verstehen. Was Grundlagenforschung leistet»

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University of Zürich published this content on October 07, 2026, and is solely responsible for the information contained herein. Distributed via Public Technologies (PUBT), unedited and unaltered, on October 07, 2026 at 03:59 UTC. If you believe the information included in the content is inaccurate or outdated and requires editing or removal, please contact us at [email protected]