Kopenhagen, 24. April 2026
Die Europäische Region der WHO hat in den letzten 15 Jahren echte Fortschritte bei der Grippeimpfung erzielt. Seit der Saison 2008/2009 hat sich die Zahl der regionsweit verteilten Impfdosen verdoppelt, und bis 2021/2022 hatte jeder Mitgliedstaat ein nationales Grippeimpfprogramm eingeführt: Damit ist Europa die erste der weltweit sechs WHO-Regionen, die dieses Ziel erreicht. Doch eine neue Studie, die anlässlich der Europäischen Impfwoche 2026 in The Lancet Regional Health - Europe veröffentlicht wurde, verdeutlicht, wie ungleichmäßig diese Fortschritte verteilt sind und welchen Weg die Europäische Region noch vor sich hat.
In der von WHO/Europa durchgeführten Analyse wurden die Grippeimpfprogramme in allen 54 Ländern und Gebieten der Europäischen Region über 15 Saisons von 2008/2009 bis 2022/2023 verfolgt. Dies ist das umfassendste Bild der Grippeimpfung in der Europäischen Region seit der COVID-19-Pandemie.
In der Saison 2022/2023 verteilten die einkommensstarken Länder in der Europäischen Region durchschnittlich 139,9 Dosen pro 1000 EW. In den Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen lag dieser Wert bei 14,6. Die Durchimpfung bei älteren Erwachsenen, auf die 70 % aller grippebedingten Todesfälle weltweit entfallen, lag in Ländern mit hohem Einkommen bei 55 %, jedoch in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen bei nur 5 %.
Die saisonale Grippe fordert jedes Jahr weltweit bis zu 650 000 Todesopfer und verursacht bis zu 5 Mio. schwere Verläufe.
Ziel verfehlt, Chance vertan
2003 legte die Weltgesundheitsversammlung als Zielvorgabe fest, dass 75 % der älteren Erwachsenen gegen Influenza geimpft werden. Zwei Jahrzehnte später, in der Saison 2022/2023, haben nur 4 der 54 Länder und Gebiete der Europäischen Region der WHO diese Vorgabe erfüllt, nämlich Belarus, Dänemark, Irland und das Vereinigte Königreich.
"Aus diesen Zahlen geht deutlich hervor, wen wir schützen und wen wir zurücklassen, und leider ist es eine Geschichte der Ungleichheit", erklärt Dr. Hans Henri P. Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa. "Eine zehnfache Diskrepanz bei der Verfügbarkeit von Dosen innerhalb einer einzigen Region sollte jeden Gesundheitsminister in der Europäischen Region beunruhigen. Aber die gute Nachricht ist, dass dies lösbar ist. Wir wissen, dass mit der Kostenfreiheit von Impfstoffen eines der größten Hindernisse für die Inanspruchnahme beseitigt wird. Wir wissen, dass sich durch die Bekämpfung von Fehlinformationen und den Aufbau von Vertrauen in der Bevölkerung die Nachfrage erhöht. Und wir wissen, dass die Länder diese Aufgabe nicht allein bewältigen müssen - die Schließung der Lücke ist genau das, wozu WHO/Europa beitragen soll."
Lückenhafte Datenlage
Dennoch sind Lücken bei Kontrollen nach wie vor ein ernstes Problem. Alle Länder der Europäischen Region empfehlen inzwischen eine Grippeimpfung für das Gesundheitspersonal, doch weniger als zwei Drittel der Länder machen Angaben dazu, ob ihr Gesundheitspersonal tatsächlich geimpft wird. Außerdem meldet weniger als ein Drittel der Länder Daten zur Durchimpfung von Personen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Herzkrankheiten und Krebs - Gruppen, die besonders anfällig für eine schwere Grippe sind.
"Es gibt vielversprechende Anzeichen dafür, was möglich ist", fügt Dr. Kluge hinzu. "Die Zahl der Grippeimpfungen bei älteren Erwachsenen in der Europäischen Region nahm während des ersten COVID-19-Winters 2020/2021 zu, und das scheint sich in den darauffolgenden Saisons gehalten zu haben - ein Muster, das im Gegensatz zu den anderswo auf der Welt gemeldeten Rückgängen steht."
In einigen Ländern werden die Programme von Grund auf neu aufgebaut. So beschaffte Tadschikistan 2025 zum ersten Mal Influenza-Impfstoff, der an die am stärksten gefährdeten Beschäftigten im Gesundheitswesen verteilt wurde. Das Land plant, seine Impfstoffbestellungen bis 2030 zu verdoppeln, um sowohl sein Gesundheitspersonal als auch seine Handlungsfähigkeit bei künftigen Pandemien zu schützen.
"Jedes Land in dieser Region hat jetzt ein Grippeimpfprogramm. Die Frage ist nicht mehr, ob die Infrastruktur vorhanden ist, sondern wie sie besser genutzt werden kann, um die Menschen zu erreichen, die sie am meisten brauchen", sagt Pernille Jorgensen, Fachreferentin für pandemische Atemwegserkrankungen bei WHO/Europa und Hauptautorin der Studie. "Diese umfassende Studie zeigt, dass verstärkte globale Anstrengungen erforderlich sind, um den Zugang zu bezahlbaren und wirksamen Grippeimpfstoffen zu verbessern, die nationale Initiativen zur Ermittlung und Beseitigung von Hindernissen für die Impfung ergänzen."