[Link]Einweihung der Gedenktafel zur Nationalversammlung 1922 ©Stadtarchiv Weimar, 63 3/4Einweihung der Gedenktafel zur Nationalversammlung 1922 ©Stadtarchiv Weimar, 63 3/4
Den Auftakt zu unserer Serie bildet ein erst unlängst wiederentdecktes Fotodokument, das die Einweihung der mit Abstand bekanntesten Weimarer Gedenktafel zeigt. Die von Bauhaus-Direktor Walter Gropius entworfenen Tafel war in den Werkstätten des Apoldaer Glockengießers Heinrich Ulrich gegossen worden. Das Foto entstand vor dem Gebäude des Deutschen Nationaltheaters am 11. August 1922. Der Staatsminister August Baudert hielt eine Ansprache, die er mit den Worten beendete: "Es blühe und gedeihe die deutsche Republik! Sie lebe hoch!" In einem Pressebericht (Allg. Thür. Landeszeitung Deutschland vom 12. August 1922) heißt es weiter: "In das Hoch stimmten alle kräftig ein, und in demselben Augenblick enthüllte die Tochter des Staatsministers [August] Frölich, Frl. Margarete Frölich, die Erinnerungstafel […]" Links im Bild ist Staatsrat Albert Rudolph (SPD) zu sehen. - Die Amateuraufnahme ist trotz ihrer mäßigen Qualität (oben links der Abdruck einer rostigen Büroklammer) nicht nur ein seltenes Bilddokument der frühen 1920er Jahre in Weimar, sondern auch ein bedeutendes politisches Zeugnis: In Weimar war bei der Tagung der Nationalversammlung 1919 der erste demokratisch verfasste Staat in Deutschland entstanden, der zu seinem dritten Gründungs-Jahrestag mit der Tafel gefeiert wurde.
Zukünftig wollen wir an der Stelle des "Kalenderblattes aus dem Stadtarchiv" gelegentlich interessante Bilddokumente vorstellen, die sich nicht unbedingt auf ein historisches Jubiläum oder auf einen runden Geburts- oder Todestag einer Weimarer Persönlichkeit beziehen. Schon unter der Leitung der langjährigen, verdienten Stadtarchivarin Gitta Günther wurde vor Jahrzehnten damit begonnen, eine zeitgeschichtliche Sammlung aufzubauen. So bergen die Magazine - übrigens auch die des Stadtmuseums - u. a. zehntausende historische Fotografien, alte Stiche, Postkarten und andere Stücke aus Papier mit Darstellungen aus der Weimarer Stadtgeschichte, die oft nahezu unbekannt sind. In ihrer Gesamtheit bilden sie eine Art visuelles Gedächtnis der Stadt. Sie zeigen Ereignisse, Persönlichkeiten oder Gebäudeensembles - und berichten von der höchst wechselvollen, spannenden Entwicklung unserer Stadt. Allerdings verhält es sich mit ihnen ähnlich wie mit unseren individuellen Erinnerungen: Sie sind vergraben und verborgen. Nur bei bestimmten Gelegenheiten - wenn sich ein Anlass ergibt, beispielsweise in der Familie ein altes Fotoalbum aufgeschlagen wird - kommen sie an die Oberfläche. So kann unsere neue Serie als ein "Weimarer Bilderalbum" angesehen werden. Allerdings zeigt es nicht allein die immer wieder gefeierten Seiten der Stadthistorie. Denn diese ist, entsprechend der politischen Zäsuren und wechselnden gesellschaftlichen Verhältnisse, auch von Brüchen, von Zeiten der Stagnation und des Niedergangs durchsetzt. Ähnlich wie im Familienalbum finden sich in den genannten Sammlungen allerdings weitaus weniger Bildzeugnisse zu den "hässlichen Rückseiten" der glänzenden Fassaden. Die neue Serie wird vom Stadtchronisten Axel Stefek betreut und manchmal von einem "Kalenderblatt aus dem Stadtarchiv" unterbrochen.
Artikel vom 20. Januar 2026