07/08/2026 | Press release | Distributed by Public on 07/08/2026 06:52
"Die institutionalisierte Medizin läuft immer wieder Gefahr, ihr am Wohl des Individuums orientiertes Ethos zugunsten politischer Interessen aufzugeben. Besonders beklemmende Beispiele finden sich in totalitären Regimen", betont Prof. Steger. Anhand eines Falls aus der DDR erläutert er in seinem Vortrag, wie junge Frauen bereits bei bloßem Verdacht auf Geschlechtskrankheiten oder infolge von Denunziation in sogenannte Venerologische Stationen eingewiesen wurden. Obwohl meist nachweislich nicht erkrankt, waren die Betroffenen dort häufig entwürdigenden medizinischen Maßnahmen und sexualisierter Gewalt durch Ärztinnen, Ärzte und Pflegepersonal ausgesetzt. Die Einrichtungen waren somit Teil eines staatlichen Disziplinierungsapparates, wie der Referent betont.
Florian Steger studierte Humanmedizin, Klassische Philologie und Geschichte an der Universität Würzburg und der Ludwig-Maximilians-Universität München. Nach seiner Promotion an der Universität Bochum zu einem medizinhistorischen Thema im Jahr 2002 habilitierte er sich 2008 an der Universität Erlangen-Nürnberg im Fach Geschichte und Ethik der Medizin. 2011 folgte er einem Ruf an die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seit Juli 2016 ist Prof. Steger Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Ulm. Internationale Gastprofessuren führten ihn unter anderem an Universitäten in Polen, Kroatien und Ungarn.
Das Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg ist darauf ausgerichtet, Forscherinnen und Forscher aus verschiedenen Wissenschaftskulturen zusammenzuführen. Es fördert den forschungsbezogenen Dialog zwischen Geistes-, Rechts- und Sozialwissenschaften einerseits und den Natur-, Ingenieur- und Lebenswissenschaften andererseits.