05/14/2026 | Press release | Distributed by Public on 05/14/2026 06:56
Am Mittwochabend (13.05.2026) sind Thüringens Innenminister Georg Maier, Niedersachsens Ministerin für Inneres, Sport und Digitalisierung, Daniela Behrens und Bremens Senatorin für Inneres und Sport, Dr. Eva Högl, von ihrer gemeinsamen Delegationsreise aus Helsinki zurückgekehrt. Finnland ist auf kriegerische Angriffe und Katastrophenlagen so gut vorbereitet, wie kaum ein anderes europäisches Land. Ein wesentlicher Grund für den intensiven und gesamtgesellschaftlich gelebten Fokus auf militärische und zivile Verteidigung ist dabei die jahrhundertelange Bedrohung durch den Nachbarn Russland, mit dem das Land eine mehr als 1300 Kilometer lange Grenze teilt.
"Preparedness" und "Comprehensive Security"
In den Gesprächen der drei deutschen Innenpolitikerinnen und -politiker mit zentralen Akteuren der finnischen Sicherheitsarchitektur wie dem Security Committee, dem finnischen Innenministerium sowie der National Emergency Supply Agency, wurde immer wieder deutlich, dass es in Finnland einen großen gesamtgesellschaftlichen Konsens gibt, dass jede und jeder Einzelne einen Beitrag dazu leisten muss, dass das Land auf unterschiedliche Katastrophen- und Bedrohungsszenarien vorbereitet ist. Alle Bemühungen stehen dabei unter dem Motto der "Preparedness", das im Rahmen eines ganzheitlichen Sicherheitsbegriffs, der "Comprehensive Security", über alle staatlichen und gesellschaftlichen Ebenen gelebt wird.
"Jeder leistet dort ohne zu klagen, seinen Beitrag. Und da haben wir in Deutschland eheblichen Nachholbedarf, sagt Thüringens Innenminister Maier. "Aber auch die Bundesregierung, die bei uns für den Zivilschutz zuständig ist, muss mehr Geld in die Hand nehmen, um den Schutz der Bürgerinnen und Bürger für den Fall der Fälle zu gewährleisten. Denn die Bedrohung aus Russland ist real, nicht nur für Finnland, auch für den Rest Europas."
Neben einem erhöhten finanziellen Engagement müsse sich der Bund vor allem strategisch besser aufstellen, ergänzt Niedersachsens Innenministerin Behrens: "Die Länder haben den Bund in den vergangenen Jahren immer wieder aufgefordert, gemeinsam mit den Ländern eine Zivilschutzstrategie zu entwickeln, die den aktuellen Bedrohungen gerecht wird. Passiert ist bisher deutlich zu wenig. Wir Länder tun mit Blick auf den Katastrophenschutz, was wir können, aber beim Zivilschutz ist der Bund in der Pflicht. In Niedersachsen werden wir die Erkenntnisse dieser Reise in unsere geplante Bevölkerungsschutzkampagne einfließen lassen."
Innensenatorin Högl sagt: "Wir konnten in Finnland erleben, wie tief das Thema 'Preparedness' im allgemeinen Bewusstsein der Menschen verankert ist. Dieses Bewusstsein, dieses Denken müssen wir auch in Deutschland noch deutlich stärker in die Mitte der Gesellschaft tragen. Dazu braucht es nicht nur eine bessere Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern, sondern auch eine stärkere Verankerung des Themas an unseren Schulen."
Hybride Bedrohungen
Einen weiteren Schwerpunkt der Reise nach Finnland bildete das Thema Hybride Bedrohungen. Nicht erst, aber insbesondere seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine sieht sich Finnland hybriden Angriffen ausgesetzt, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dem östlichen Nachbarn zugeschrieben werden. So wurden seit Kriegsbeginn beispielsweise mehrfach Unterseekabel von Ankern durchtrennt. Die russische Schattenflotte wird von den finnischen Behörden intensiv beobachtet, da sie direkt vor der finnischen Küste kreuzt. Es bestand in allen Gesprächen vor Ort große Einigkeit, dass die Bedrohung durch Russland sehr real ist und sich nicht nur gegen die unmittelbaren Nachbarn richtet.
"Niemand in Finnland bestreitet die Bedrohung durch Russland, dort wird die Lage aufgrund der eigenen Geschichte mit dem großen Nachbarn sehr klar analysiert und benannt. Ich würde mir sehr wünschen, dass wir auch in Deutschland aufhören, uns die Lage schönzureden", betont Innenminister Maier.
Ministerin Behrens sagt: "Die Finnen verzeichnen insbesondere an der Küste starke Aktivitäten und müssen sich ebenso wie die deutschen Küstenländer intensiv mit dem Thema Drohnenüberflüge und Drohnenabwehr auseinandersetzen. In Niedersachsen steigen wir in Absprache mit den anderen Nordländern in die Beschaffung entsprechender Technik ein, aber das allein wird nicht reichen. Wir brauchen bei diesem Thema eine noch bessere Koordinierung von Bundeswehr, Bundes- und Landespolizeien."
Innensenatorin Högl: "Unsere kritische Infrastruktur, beispielsweise unsere Häfen, stehen in besonderem Fokus hybrider Bedrohungen. Die Finnen haben eindrucksvoll demonstriert, wie staatliche Akteure und Wirtschaftsunternehmen zusammenarbeiten, um die Resilienz und Widerstandsfähigkeit von kritischer Infrastruktur zu gewährleisten. Das kann und muss Vorbild für Deutschland sein."
Zivile Schutzräume
Beindruckt zeigten sich die Teilnehmenden der Delegation von der Zivilschutzanlage Merihaka, eine Bunkeranlage im Herzen Helsinkis. In Friedenszeiten wird die Anlage für Indoorsportanlagen und andere zivile Zwecke genutzt, innerhalb von 72 Stunden kann sie jedoch vollständig geräumt werden und einem bis zu 6000 Personen Schutz bieten. Insgesamt können die rund 5,6 Millionen Finninnen und Finnen rund 50.500 Schutzräume nutzen. Sie bieten Schutz für rund 4,8 Millionen Menschen zur gleichen Zeit. 80 Prozent dieser Schutzräume befinden sich dabei in oder unter privaten Gebäuden. Nur 20 Prozent gehören der öffentlichen Hand.
Innenminister Maier aus Thüringen sagt: "In Deutschland versucht der Bund dagegen seit etwa anderthalb Jahren, Eckdaten für das Erfassen von Schutzräumen zu erarbeiten. Bis heute fehlen dafür aber die Kriterien, ist die Auflistung noch nicht einmal gestartet."
"Wir müssen bei allen Themen, die die zivile Verteidigung betreffen, einfacher, schneller und effizienter werden", ergänzt Niedersachsens Innenministerin Behrens.
Innensenatorin Högl aus Bremen betont: "Es ist gut, dass wir mit der Zeitenwende dafür sorgen, dass unsere militärischen Fähigkeiten deutlich und schnell aufwachsen. Jetzt gilt es, diese Kraftanstrengung auch auf den zivilen Bereich auszuweiten."
Thüringen, Niedersachsen und Bremen haben vereinbart, die auf der Delegationsreise gewonnen Erkenntnisse in einen gemeinsamen Beschlussvorschlag für die anstehende Innenministerkonferenz (IMK) in Hamburg einfließen zu lassen, die vom 17. bis 19. Juni 2026 stattfindet.
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