06/24/2026 | Press release | Distributed by Public on 06/24/2026 07:31
Ausgangspunkt von "Jowhar" ist ein Begriff arabischen Ursprungs, der im Persischen sowohl Essenz als auch Schreibtinte bezeichnen kann, eine für die Arbeit zentrale Doppelbedeutung. Die Installation selbst besteht aus mit Tinte beschrifteten Papierbahnen und einer skulpturalen Anordnung aus Metall und mit Tinte gefüllten kleinen Gefäßen, sogenannten "Tränenfänger". Auf den Papierrollen wird ein Satz fortwährend wiederholt: "Die Zukunft ist nichts anderes als ein Teil der Vergangenheit, der in Vergessenheit geraten ist." - eine Vorstellung, die dem Werk auch materiell eingeschrieben ist.
Im Entstehungsprozess der Arbeit wäscht die Künstlerin die Schrift aus dem Papier heraus. Die dabei gelöste Tinte wird aufgefangen und in Behältern gesammelt, was auf eine historische Praxis in der iranischen Kultur verweist, bei der "Tränenfänger" als Zeichen von Erinnerung und Trauer an Gräbern befestigt werden.
Was scheinbar ausgelöscht wird, bleibt so in anderer Form erhalten. Die Tinte wird zur Essenz der Worte, die nicht verschwinden, sondern sich verwandeln und neu einschreiben. Eine begleitende Videodokumentation gibt Einblicke in den künstlerischen Schaffensprozess und macht ihn für die Besuchenden als körperliche und zeitliche Handlung erfahrbar.
Die Vorstellung einer fortdauernden Verwandlung prägt auch die neue Filmarbeit "Reanimation". Entstanden in den Randgebieten Teherans, folgt sie den materiellen Überresten einer Stadt im Wandel. Türen aus abgerissenen Häusern gelangen auf Deponien und werden dort zum Baumaterial neuer Behausungen. Aus Fragmenten entstehen provisorische Architekturen, die Schutz bieten und zugleich die Spuren früherer Existenzen in sich tragen. Aleph beschreibt sie als "geliehene und zusammengeflickte Körper" - fragile Konstruktionen zwischen Verlust und Neubeginn.
Der Film richtet den Blick auf Menschen, die in diesen Zwischenzuständen leben, und erzählt von Würde, Beharrlichkeit und der Fähigkeit, aus dem Zurückgelassenen neue Formen des Daseins hervorzubringen. Zuhause erscheint dabei nicht als fester Ort, sondern als etwas, das immer wieder neu hergestellt werden muss. Mit ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung in Berlin gewährt Mahsa Aleph Einblicke in eine künstlerische Praxis, die Erinnerung nicht als Bewahrung des Vergangenen versteht, sondern als einen fortwährenden Prozess von Überschreibung, Verlust und Neubildung. Zwischen Sprache und Materie, Ritual und Alltag entstehen Arbeiten von großer poetischer Kraft, in denen sich persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlichen und kulturellen Fragestellungen verbinden.
Mahsa Aleph (geboren 1990 in Ardabil, Iran) studierte Malerei an der University of Art in Teheran. Sie erhielt verschiedene Förder- und Recherchestipendien, unter anderem von der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, der Akademie der Künste Berlin sowie vom Berliner Senat. Für ihre Arbeit "Jowhar" wurde sie 2023 mit dem Hauptpreis des State of the ART(ist) Award der Ars Electronica ausgezeichnet. 2026 zeigte der Tiroler Kunstpavillon in Innsbruck ihre erste Einzelausstellung in Österreich. Im selben Jahr erhielt sie das Istanbul-Stipendium des Berliner Senats.