Norwegen hat die Vermarktung von ungesunden Lebensmitteln und Getränken für Kinder verboten, um Übergewicht und Adipositas zu bekämpfen und sie vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs und anderen nichtübertragbaren Krankheiten zu schützen. Norwegen ist eines der ersten Länder in der Europäischen Region der WHO, das die Empfehlung der WHO umsetzt, die Exposition von Kindern gegenüber der Vermarktung ungesunder Lebensmittel und Getränke zu verringern.
Die neue Gesetzgebung ist nicht nur ein Erfolg für das Land selbst, sondern knüpft auch an einer internationalen Dynamik zur Schaffung gesünderer Umfelder für Kinder an.
Den Teufelskreis durchbrechen
Übergewicht und Adipositas sind jährlich für mehr als 1,2 Mio. Todesfälle in der Europäischen Region der WHO verantwortlich und stehen in engem kausalem Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und verschiedenen Krebsarten.
Nach den jüngsten Daten der Initiative der Europäischen Region der WHO zur Überwachung von Adipositas im Kindesalter leben in Norwegen mehr als 20 % der Kinder im schulpflichtigen Alter mit Übergewicht oder Adipositas. Eine Studie der Oslo Metropolitan University aus dem Jahr 2021 ergab, dass in Norwegen acht von zehn an Kinder gerichtete Werbungen für Lebensmittel und Getränke der Vermarktung ungesunder Produkte dienen.
"In der gesamten Europäischen Region der WHO lebt jedes vierte Kind im Alter von 7 bis 9 Jahren mit Übergewicht oder Adipositas, in Norwegen ist mehr als jedes fünfte Kind davon betroffen. Dies ist nicht nur eine Frage der individuellen Entscheidung: Kinder wachsen in einem Umfeld auf, das durch eine allgegenwärtige und aggressive Vermarktung ungesunder Lebensmittel geprägt ist. Norwegens neue Gesetzgebung ist ein mutiger und evidenzbasierter Schritt, um diese Realität zu ändern. Es zeigt, dass Regierungen entschlossen handeln können, um die Gesundheit von Kindern zu schützen, und ich hoffe, dass das Beispiel Norwegens andere Länder in der Region ermutigt, ähnliche Maßnahmen zu ergreifen", erklärt Dr. Hans Henri P. Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa.
Die Bemühungen, den Druck auf Kinder aufgrund der Vermarktung ungesunder Lebensmittel zu verringern, gehören seit zwei Jahrzehnten zu den obersten Prioritäten beim Schutz der öffentlichen Gesundheit. "2006 wurde in Gesprächen zwischen der WHO und der norwegischen Gesundheitsdirektion in Oslo genau dieses Thema erörtert, und auch die Durchführung von Maßnahmen zur Verringerung des Drucks der Werbung auf Kinder. Norwegen ist dieser Agenda treu geblieben", sagt Cathrine Lofthus, Generaldirektorin der norwegischen Gesundheitsdirektion.
Sie fügt hinzu: "Seitdem hat sich immer deutlicher gezeigt, dass die Vermarktung ungesunder Lebensmittel eine wichtige Triebkraft für ungesunde Ernährungsgewohnheiten bei Kindern ist, insbesondere seit dem Aufkommen der sozialen Medien. Unsere Region braucht heute mehr denn je eine starke politische Dynamik, um eine gesündere Umwelt für die jungen Generationen zu schaffen."
Wie sehen die Vorschriften aus?
Seit dem Inkrafttreten der neuen Rechtsvorschriften im Oktober 2025 ist die Vermarktung bestimmter Kategorien von ungesunden Lebensmitteln und Getränken an Kinder unter 18 Jahren untersagt. Die Vorschriften gelten sowohl für die traditionelle als auch für die digitale Werbung und umfassen Sponsoring, Influencer-Marketing, Produktplatzierung und indirekte Praktiken zur Markenentwicklung.
Die gesetzliche Regelung in Norwegen beruht auf einem detaillierten Modell von Nährwertprofilen, das sich an den Leitlinien der WHO orientiert. Insgesamt werden zehn Kategorien von Lebensmitteln definiert. Die Kategorien 1 bis 5 sind: Schokolade und Zuckerwaren, Kuchen und Gebäck, Knabbereien, Speiseeis und Softdrinks. Sämtliche Produkte dieser Kategorien dürfen nicht an Kinder vermarktet werden. Zu den Kategorien 6 bis 10 gehören Säfte, Milchgetränke, Frühstücksgetreideprodukte, Joghurtprodukte und Fast Food. Für sie alle gelten Nährstoffschwellenwerte, und eine Vermarktung ist verboten, wenn Produkte bestimmte Grenzwerte für Zuckerzusatz, gesättigte Fette, Salz oder Energiegehalt überschreiten.
Die Einschränkung der Vermarktung wird von WHO/Europa als besonders vielversprechende Maßnahme anerkannt, die nichtübertragbare Krankheiten wirksam verhindern kann. Durch Einschränken der Exposition von Kindern gegenüber überzeugender und irreführender Werbung für Produkte mit einem hohen Gehalt an Zucker, Salz und gesättigten Fetten können Regierungen dazu beitragen, dass Kinder schon früh im Leben gesündere Ernährungsgewohnheiten entwickeln.
Unterstützung der Öffentlichkeit gewinnen
Die norwegische Initiative wurde in den vergangenen Jahren von der Branche aufmerksam verfolgt. Ihre Reaktionen reichten von konstruktiven Rückmeldungen bis hin zu Kritik und Widerstand.
Eine Zeitlang kehrte Norwegen zu verstärkten Selbstregulierungsmaßnahmen zurück, aber spätere Bewertungen zeigten die Unwirksamkeit dieser Maßnahmen. Die neue Gesetzgebung baut auf diesen Selbstregulierungsmaßnahmen auf, geht aber darüber hinaus. Es schützt mehr Kinder, stärkt die Durchsetzungsmechanismen und sieht echte Konsequenzen für Verstöße vor.
Bei der Verabschiedung der neuen Regelung spielten ein breiter Konsens in der Politik und die Bemühungen von Organisationen der Zivilgesellschaft eine entscheidende Rolle. Norwegische Verbraucherschutzbehörden, Krebsgesellschaften und Jugendorganisationen trugen dazu bei, eine breite öffentliche Unterstützung für das Werbungsverbot zu gewinnen.
Eine Marktforschungsumfrage aus dem Jahr 2025 ergab, dass drei Viertel der norwegischen Bevölkerung das Verbot unterstützen. 87 % der Befragten waren der Meinung, dass Kinder und Jugendliche durch Werbung für ungesunde Produkte beeinflusst werden. Nur 40 % der Befragten gaben an, dass es ihnen leichtfällt, Nein zu sagen, wenn ihre Kinder wiederholt nach ungesunden Produkten fragen.
Eine Dynamik schaffen
Norwegen unterstreicht die Bedeutung internationaler Netzwerke und der Leitlinien der WHO für die Gestaltung und Aufrechterhaltung der politischen Dynamik.
"Die Länder brauchen positive Beispiele. Jede neue gesetzliche Regelung verringert das politische Risiko für andere Länder in der Europäischen Region der WHO und darüber hinaus und stärkt die Wahrnehmung, dass der Schutz der Gesundheit von Kindern sowohl machbar ist als auch breite Unterstützung in der Bevölkerung findet. Es geht darum, eine gesündere Zukunft zu schaffen und dafür zu sorgen, dass Kinder in einem Umfeld aufwachsen, in dem die gesunde Entscheidung leichtfällt", sagte Jan Christian Vestre, Minister für Gesundheits- und Pflegewesen in Norwegen.
Dieser Artikel wurde am 23. März 2026 geändert, um bei der redaktionellen Bearbeitung entstandene Fehler zu korrigieren, namentlich die fälschliche Verwendung des Wortes "Gesetz" anstelle von "Gesetzgebung".