Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

09/18/2026 | News release | Distributed by Public on 09/18/2026 05:17

Raum für Neues und für das Staunen

  • Unterrichtsbeobachtungen an zwölf Schulen sind die Grundlage für das Forschungsprojekt, das unmittelbar vor dem Abschluss steht. Tatiana Ziskova/AdobeStock

  • Sie plädiert für einen inklusiven Unterricht mit Freiräumen, "in denen Fremdes, Neues, Ungeahntes die Lernenden berühren kann": Sonderpädagogin Theresa Stommel. Lukas Ondreka

Raum für Neues und für das Staunen

18.09.2026 Forschung Top-Thema Lehrkräftebildung Sonderpädagogik

Wie lassen sich Bildungsprozesse bei Kindern mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung anstoßen? Mit Unterricht, der - neben klaren Routinen - offen bleibt für Überraschungen, so Sonderpädagogin Theresa Stommel im Interview.

Unterrichtsbeobachtungen an zwölf Schulen sind die Grundlage für das Forschungsprojekt, das unmittelbar vor dem Abschluss steht.

Sie plädiert für einen inklusiven Unterricht mit Freiräumen, "in denen Fremdes, Neues, Ungeahntes die Lernenden berühren kann": Sonderpädagogin Theresa Stommel.

Wie lassen sich Bildungsprozesse bei Kindern mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung anstoßen? Mit Unterricht, der - neben klaren Routinen - offen bleibt für Überraschungen, so Sonderpädagogin Theresa Stommel im Interview.

Sie schließen gerade ein Forschungsprojekt ab, in dem Sie Bildungsprozesse von Kindern und Jugendlichen mit dem sonderpädagogischen Schwerpunkt Geistige Entwicklung untersucht haben. Wie ist es um deren Bildungschancen bestellt?

Diese Kinder und Jugendlichen sind ganz besonders von Exklusion aus dem Bildungssystem bedroht. Sie werden deutlich seltener an inklusiven Schulen unterrichtet. Außerdem haben sie oft sehr viel weniger Zugang zu Bildungsinhalten, vor allem zu solchen, die als eher anspruchsvoll gelten, etwa zu Literatur oder bestimmten Musikstücken, zu Fremdsprachen und historischen Zusammenhängen. Das liegt daran, dass ihnen wegen ihrer eingeschränkten kognitiven Leistungsfähigkeit oft sehr wenig zugetraut wird, sie oft auch in ihren verbalsprachlichen, kommunikativen und motorischen Fähigkeiten eingeschränkt sind. All dies führt dazu, dass die Teilhabe der Personengruppe deutlich eingeschränkt wird.

Dabei kann ja der Förderbedarf individuell sehr unterschiedlich ausfallen…

In der Tat, sie bilden eine sehr heterogene Gruppe mit unglaublich vielfältigen Lern- und Entwicklungsvoraussetzungen. Im Grunde lassen sich kaum Erwartungen bezüglich ihrer Leistung formulieren, was die Gestaltung von Unterricht und didaktische Entscheidungen erschwert. Das verstärkt die Exklusion und verringert ihre Bildungschancen massiv.

Wird dies beispielsweise auch hinsichtlich der formalen Bildungsabschlüsse sichtbar?

Formal ist es so, dass an Förderschulen mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung kein allgemeinbildender Schulabschluss erlangt wird. Diese Jugendlichen erlangen darum deutlich seltener einen Schulabschluss als welche mit anderen Förderschwerpunkten. Entsprechend hoch sind die Hürden etwa für die Teilhabe auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. In der Schule werden ja bekanntlich die Weichen für die Zukunft gestellt. Um die Situation zu verbessern, sollten wir genauer hinsehen, die Bildungsprozesse dieser Kinder beobachten - und genau das war der Kern des Projekts. Wenn wir mehr über Bildungsprozesse wissen, können wir möglicherweise auch didaktische Ableitungen treffen, die helfen können, dass inklusiver und "anspruchsvoller" Unterricht für diese heterogene Gruppe möglich wird.

Worum genau geht es bei Bildungsprozessen, die Sie untersucht haben?

Für mich beschreibt Bildung hier weniger die Aneignung von Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen. Also nicht das, was jemand danach kann oder weiß. Sie ist mehr als eine Erfahrung zu verstehen und beruht darauf, dass wir Menschen responsive Wesen sind, die auf ihre Umwelt und deren Ansprüche antworten. Wir werden also von Dingen, Menschen, Ereignissen herausgefordert. Wenn eine Herausforderung so groß ist, dass wir kreativ werden müssen, um darauf antworten zu können, und wenn sich dabei unsere Einstellungen und Perspektiven zur Welt und zu uns selber verändern, dann spreche ich in diesem Projekt von "Bildung". Solche Prozesse überhaupt zu erforschen, ist einigermaßen schwierig. Aber im Projekt konnte ich zeigen: Diese Veränderungsprozesse - oder zumindest Momente, die darauf hindeuten -, finden bei Schüler*innen mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung tatsächlich statt.

An vier inklusiven Grundschulen und acht Förderschulen der Region haben Sie Unterricht und Lernen beobachtet. Wie zeigen sich bei diesen Schüler*innen die Lernfortschritte?

Dafür nutze ich eine noch recht neue Forschungsmethode, die sogenannte phänomenologische Vignettenforschung. Dabei werden Beobachtungen aus dem Unterricht in einem mehrschrittigen Verfahren zu sogenannten Vignetten - damit sind kurze, anschauliche Beschreibungen gemeint - verdichtet. Sie fassen kleine, konkrete Momente aus dem Unterricht zusammen. An diesen Momenten können sich beispielhaft größere Zusammenhänge zeigen - etwa, wie ein Schüler lernt, sich beteiligt oder selbstständiger wird. Das Wort "Vignette" bedeutet ursprünglich übrigens "kleine Weinrebe".

Und was haben sozusagen "kleine Reben" mit Ihren Unterrichtsbeobachtungen zu tun?

Im Ursprung handelt es sich um schmückende Darstellungen von Weinranken, die etwa in mittelalterlichen Büchern verwendet wurden. So lässt sich auch die im Projekt eingesetzte Vignette verstehen: Sie "umrankt" und verdichtet einen einzelnen Ausschnitt einer Erfahrung. Eine Vignette kann zum Beispiel einen bestimmten Moment, eine Atmosphäre oder räumliche Zusammenhänge im Unterricht so beschreiben, dass man sich gut in die konkrete Situation hineinversetzen kann. Da diese Methode nicht auf sprachliches Datenmaterial angewiesen ist, eignete sie sich hier besonders gut. Gängige Methoden - wie etwa Interviews - stoßen bei Jugendlichen mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung an Grenzen. Die Vignetten ermöglichen es uns hingegen, genauer hinzuschauen: Was passiert in einem bestimmten Moment? Wie beteiligt sich ein Schüler oder eine Schülerin? Was verändert sich?

Ihr Ziel war es, aus der Forschung didaktische Konsequenzen abzuleiten. Welche Art von Unterricht ist denn für Bildungsprozesse zuträglich?

Unterricht, der Raum für Neues und für das Staunen gibt, der - wenngleich in geordnetem Rahmen und mit klaren Routinen und Regeln - auch Räume zum Ausbrechen bietet.

Was meinen Sie damit?

Die Forschung zeigt sehr eindrücklich, wie Bildungsangebote im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung gestaltet sind: Die Schüler*innen arbeiten differenziert und individualisiert in Einzelarbeit, meist an Arbeitsblättern. Sie folgen dabei einem vorgegebenen Weg, der auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet ist. Kommen sie von diesem Weg ab, werden sie von der Lehrperson bzw. dem pädagogischen Personal zurück auf die Spur gebracht. Ein solcher Unterricht kann beim Lernen helfen und soll das ja auch. Weniger beachtet wird dabei das Initiieren von Bildungsprozessen im eben erklärten Verständnis. Dafür braucht es Freiräume, in denen Fremdes, Neues, Ungeahntes die Lernenden berühren kann.

Wo fehlen solche Freiräume beziehungsweise wie könnten sie aussehen?

Ein Beispiel aus dem Forschungsprojekt: Ein Schüler untersucht im Deutschunterricht eine Feuerwehrzeitschrift, um nach vorgegebenen Kategorien einen Steckbrief zu erstellen. Der Junge blättert um und stockt: Eine Doppelseite zeigt einen Busunfall. Der Schüler ist fasziniert, erstaunt, ruft die Lehrerin, möchte seine Entdeckung teilen. Die Lehrerin aber geht nicht darauf ein und erinnert den Jungen an die Aufgabe, den Steckbrief zu verfassen. Für einen Unterricht, der - im Gegensatz dazu - auch der Verunsicherung und dem Staunen Raum gibt, braucht es Lehrkräfte, die sich auf dieses Wagnis einlassen und auch mal Räume zum Ausbrechen bieten, das sie pädagogisch begleiten. Unterricht, der gemeinsam, also in Kleingruppen, in Partnerarbeit oder in Beziehung zwischen Schüler oder Schülerin und Lehrperson stattfindet, scheint besonders geeignet, um Bildungsprozesse anzuregen.

Wie lassen sich auf Basis Ihrer Erkenntnisse die Bildungs- und Teilhabechancen dieser jungen Menschen verbessern?

Grundsätzlich sind da zahlreiche Faktoren wichtig, etwa barrierefreie Gebäude, personelle Ressourcen, kleinere Lerngruppen. Die Studie zeigt, dass sich die Kinder berühren und ansprechen lassen und auf das, was ihnen widerfährt, kreativ, also schöpferisch, reagieren und sich Neues bildet. Bildungs- und Teilhabechancen lassen sich also verbessern, indem diesen Kindern etwas zugetraut wird, wenn sie sich mit kulturell bedeutsamen Inhalten auseinandersetzen können und in ihrem Lernprozess begleitet werden. Wir können Lehrkräfte - auch an Grundschulen mit inklusivem Unterricht - nur ermutigen, auch Kinder mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung stärker am Unterrichtsgeschehen teilhaben zu lassen.

Interview: Deike Stolz

Das könnte Sie auch interessieren:

Universität Oldenburg/ Daniel Schmidt
08.05.2026 Diversität Top-Thema Sonderpädagogik

Mehr als reine Nachhilfe

Studierende der Sonder- und Rehabilitationspädagogik bieten Kindern aus Oldenburg mit Förderbedarf eine individuelle Therapie an. Die Lernambulanz…

mehr: Mehr als reine Nachhilfe
Universität Oldenburg / Daniel Schmidt
22.04.2026 NWA Top-Thema Lehrkräftebildung Studium und Lehre

Mit Mut zur Lücke und Liebe zum Fach

Melina Kramer absolviert ihr Lehramtsstudium an zwei Universitäten: Biologie in Oldenburg und Geografie in Bremen. Das fordert zwar ihr…

mehr: Mit Mut zur Lücke und Liebe zum Fach
Universität Oldenburg / Markus Hibbeler
02.01.2026 Forschung Top-Thema Sonderpädagogik

Wie Teilhabe gelingen kann

In Deutschland geht es bei der Teilhabe von Menschen mit Behinderung eher langsam voran. Im Interview erläutert Sonderpädagogin Teresa Sansour, bei…

mehr: Wie Teilhabe gelingen kann
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg published this content on September 18, 2026, and is solely responsible for the information contained herein. Distributed via Public Technologies (PUBT), unedited and unaltered, on September 18, 2026 at 11:17 UTC. If you believe the information included in the content is inaccurate or outdated and requires editing or removal, please contact us at [email protected]