Eine vor Kurzem durchgeführte Bestandsaufnahme von WHO/Europa und Public Health Wales (Vereinigtes Königreich) kam zu dem Ergebnis, dass Menschen mit größeren gesundheitlichen Bedürfnissen und Sprachbarrieren sich mit der Nutzung digitaler Gesundheitslösungen und -technologien schwertun, hauptsächlich wegen begrenzten Zugangs, mangelnder Digitalkompetenz und einer fehlenden Anpassung der Angebote an unterschiedliche Bedürfnisse.
Die Untersuchung ergab auch, dass aufgrund von Ungleichgewichten in der digitalen Infrastruktur zwischen Regionen Ungleichheiten beim Zugang zu Innovationen drohen. Obwohl der Aspekt der Chancengleichheit in Strategien für digitale Gesundheit zunehmend thematisiert wird, geschieht dies oftmals in sehr allgemeiner Form, ohne operationelle Standards für seine Aufnahme oder Mechanismen für die staatliche Aufsicht.
"Eines unserer Hauptziele bei dieser neuen Untersuchung bestand darin, uns ein besseres Bild davon zu machen, wie genau Benachteiligungen im Bereich der digitalen Gesundheit entstehen und wie der Aspekt Chancengleichheit weltweit in Rechtsvorschriften und ihre Umsetzung und Evaluation einbezogen wird", erklärte Dr. Natasha Azzopardi-Muscat, Leiterin der Abteilung Gesundheitssysteme bei WHO/Europa. "Eine unserer wesentlichen Erkenntnisse lautet, dass Chancengleichheit im Bereich digitale Gesundheit nicht durch Einzelaktionen erreicht werden kann, sondern vielmehr einen koordinierten, systemumspannenden Ansatz erfordert, der Chancengleichheit in Bezug auf Regulierung, Umsetzung und Evaluation digitaler Gesundheitslösungen gewährleistet."
Die zentrale Bedeutung von Chancengleichheit für die digitale Transformation
Die digitale Umgestaltung von Gesundheitssystemen beschleunigt sich zusehends und hat Auswirkungen darauf, wie Menschen auf Gesundheitsinformationen zugreifen und mit ihren Gesundheitssystemen interagieren. Doch ohne Chancengleichheit im Mittelpunkt dieser Transformation besteht die Gefahr, dass der Nutzen digitaler Gesundheitslösungen und Künstlicher Intelligenz ungleichmäßig verteilt wird, sodass ohnehin schon benachteiligte Bevölkerungsgruppen noch weiter marginalisiert werden.
"Chancengleichheit darf bei der Entwicklung und Einführung digitaler Gesundheitstechnologien nie erst als nachträglicher Gedanke ins Spiel kommen", erklärte Dr. David Novillo Ortiz, Regionalbeauftragter für Daten, Künstliche Intelligenz und digitale Gesundheit bei WHO/Europa. "Wenn jemand auf dem Land keinen Zugang zu Telegesundheit bekommt, weil dazu ein Hochgeschwindigkeits-Internet erforderlich ist, das in seinem Dorf nicht verfügbar ist, dann lässt Innovation gerade die Menschen im Stich, denen sie eigentlich zugute kommen soll."
Er fügte hinzu: "Durch das Verständnis sozialer und technischer Einflussfaktoren, die die Ungleichheiten im Bereich digitale Gesundheit prägen, können wir Barrieren beseitigen und es unterversorgten Gruppen ermöglichen, umfassend von digitalen Gesundheitstechnologien zu profitieren."
Eine andere, 2022 von WHO/Europa und Public Health Wales durchgeführte Studie war bereits zu dem Schluss gekommen, dass digitale Gesundheitstechnologien nicht für alle Teile der Europäischen Region der WHO und alle Bevölkerungsgruppen gleichmäßig zugänglich sind. Sie belegte, dass Personen mit Gesundheitsproblemen oder einer Behinderung, aber auch ältere Menschen, Migranten und Personen mit niedrigerem sozioökonomischem Status beim Zugang zu diesen Tools die größten Schwierigkeiten haben.
Chancengleichheit in Bezug auf Regulierung, Umsetzung und Evaluation
In dieser neuen Studie wurde Fachliteratur aus den Jahren 2015 bis 2024 verwendet. Insgesamt wurden 154 Artikel ausgewertet, um bewährte Praktiken und auch hartnäckige Defizite zu ermitteln.
Alisha Davies, Stellvertretende Leiterin der Abteilung Forschung, Daten und digitale Technologien bei Public Health Wales, sagte: "Die digitale Gesundheit hat das Potenzial, das Gesundheits- und Pflegewesen von Grund auf zu verändern und die Gesundheit der Bevölkerung konkret zu verbessern, aber nur, wenn die Chancengleichheit in jeder Phase gebührend berücksichtigt wird. Unsere Untersuchung belegt, dass die Bedeutung von Chancengleichheit zwar zunehmend anerkannt wird, ihre Einbindung in Regulierungs-, Umsetzungs- und Evaluationsprozesse aber weiterhin nicht konsequent erfolgt. Die Ergebnisse verdeutlichen die Notwendigkeit eines sozial-technischen Ansatzes, da die digitale Innovation nicht in Isolation abläuft, sondern in Verbindung mit einem bewusst auf Chancengleichheit angelegten Ansatz, damit digitale Gesundheitstechnologien zum Abbau gesundheitlicher Benachteiligungen und nicht zu deren Verschärfung beitragen."
In der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten sind Datenschutz, Sicherheit und Rechenschaftslegung umfassend geregelt. Doch dabei werden nur selten gefährdete oder marginalisierte Gruppen in Entscheidungen über die Gestaltung und Regulierung von digitalen Tools und Daten eingebunden.
Die meisten Regelungen betreffen Verzerrungen in Bezug auf ethnische Zugehörigkeit und Geschlecht und beziehen sich weniger auf Sprache, Einkommen, Wohnort oder Behinderungsstatus. Außerdem wird in den geltenden Vorschriften oft außer Acht gelassen, ob Patienten und Gesundheitspersonal über den erforderlichen Zugang oder die nötigen Fähigkeiten verfügen, um diese neuen Tools effektiv zu nutzen.
In Leitlinien zum Thema digitale Gesundheit wird häufig die Notwendigkeit einer soliden Regulierung und leistungsfähigen Infrastruktur hervorgehoben. Dennoch ist noch immer weitgehend unklar, was konkret erforderlich ist, um Chancengleichheit in der Praxis zu gewährleisten. Evaluationsrahmen sind nach wie vor fragmentiert und befassen sich selten mit der Frage, ob neue Technologien den Bedürfnissen benachteiligter Bevölkerungsgruppen gerecht werden. Insbesondere bei KI-gestützten Gesundheitstechnologien sind Überprüfungen auf Chancengleichheit, Verzerrungen und Fairness noch nicht gängige Praxis.
Das weitere Vorgehen
In dem Bericht wird anerkannt, dass die Verwirklichung von Chancengleichheit bei der digitalen Umgestaltung ein komplexes Unterfangen ist. Deshalb muss Chancengleichheit in jede Phase der Gestaltung und Umsetzung digitaler Gesundheitsinterventionen eingebaut werden, anstatt erst als nachträgliche Überlegung einzufließen.
Im Hinblick auf das weitere Vorgehen werden in dem Bericht verschiedene Überlegungen für die Förderung von Chancengleichheit im Bereich der digitalen Gesundheit in der Europäischen Region angestellt. Dies sind ein systemumspannender Ansatz, die Stärkung von Regulierung und Politiksteuerung, die Gewährleistung einer chancengleichen Finanzierung und ein bereichsübergreifender Kapazitätsaufbau.
Die Verwirklichung digitaler Gesundheitssysteme, die für alle Bevölkerungsgruppen ausgewogen Nutzen bringen, bleibt für die WHO eine zentrale Priorität im Rahmen des Aktionsplans zur Förderung der digitalen Gesundheit in der Europäischen Region der WHO (2023-2030) und der Globalen Strategie für digitale Gesundheit (2020-2025).