08/18/2026 | Press release | Distributed by Public on 08/18/2026 07:35
Der Reflexionstag zur Gedenkstättenfahrt setzt ein starkes Zeichen gegen Antisemitismus und für Erinnerungskultur.
Wie kann Erinnerungsarbeit junge Menschen für die Mechanismen von Hass und Ausgrenzung von Minderheiten und Antisemitismus sensibilisieren und demokratische Werte stärken? Mit dieser Frage beschäftigten sich rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei einem Reflexionstag zum Projekt "Zeugen der Geschichte: Eine Reise zur KZ-Gedenkstätte Auschwitz" am 12. August in der MEWA ARENA in Mainz. Schülerinnen und Schüler der Hildegardisschule Bingen und des Otto-Schott-Gymnasiums Mainz luden zu dem Reflexionstag ein und ließen die eindrückliche Fahrt zur KZ-Gedenkstätte Auschwitz Birkenau, die Ende Juni vom SchUM-Städte e. V. in Kooperation mit den beiden Schulen und dem 1. FSV Mainz 05 organisiert und begleitet wurde, Revue passieren.
Ausgangspunkt der Gedenkstättenfahrt war das von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) geförderte Projekt "Gemeinsam an Eugen Salomon erinnern", das der IB Südwest gGmbH von 2024 bis 2025 gemeinsam mit dem SchUM-Verein, dem 1. FSV Mainz 05 e. V. und Schülerinnen der Hildegardisschule Bingen umgesetzt hat.
Die Jugendlichen erforschten die Lebensgeschichte des Mainzer Juden Eugen Salomon, der mit 17 Jahren erster Vorstandsvorsitzender des heutigen Bundesligisten war, und entwickelten einen dauerhaften Erinnerungsort an der MEWA ARENA in Mainz. Die Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur eröffnete den Jugendlichen einen persönlichen Zugang zur jüdischen Geschichte in Deutschland und verdeutlichte die Folgen von Ausgrenzung, Antisemitismus und menschenverachtenden Ideologien.
Der SchUM-Verein versteht die Bildungs- und Vermittlungsarbeit sowie die Antisemitismusprävention als zentrale Bestandteile seines Auftrags: "Die Erinnerung darf nicht enden. Gerade in einer Zeit, in der antisemitische Vorfälle wieder zunehmen und demokratische Grundwerte unter Druck geraten, ist historisch-politische Bildung wichtiger denn je", ergänzt Birgit Kita.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Hildegardisschule Bingen und des Otto-Schott-Gymnasiums Mainz hatten sich bereits im Vorfeld mit den Orten jüdischer Geschichte und jüdischen Lebens in Mainz sowie mit ihrer heutigen Situation auseinandergesetzt. Während der Fahrt und vor Ort beschäftigten sie sich dann intensiv mit dem Gedenken an die Opfer der Shoah sowie mit der jüdischen Geschichte und Kultur in Deutschland seit dem Mittelalter am Beispiel der SchUM-Städte Speyer, Worms und Mainz.
Neben Führungen durch die KZ-Gedenkstätte Auschwitz und Auschwitz-Birkenau sowie zum jüdischen Leben in Krakau, standen ein Besuch der ehemaligen Schindler-Fabrik sowie vertiefende Workshops auf dem Programm. Dabei setzten sich die Jugendlichen nicht nur mit den historischen Ereignissen auseinander, sondern diskutierten auch aktuelle Erscheinungsformen des Antisemitismus und moderne Möglichkeiten der Erinnerungsvermittlung.
Der Reflexionstag am 12. August bildete den Abschluss dieser gemeinsamen Bildungsreise. Im Mittelpunkt standen zunächst die Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler. In persönlichen Beiträgen schilderten sie ihre Eindrücke und machten deutlich, wie nachhaltig die Begegnung mit den historischen Orten und der Geschichte der Shoah sie bewegt hat.
"Die Fahrt hat Neugier auf jüdische Geschichte, den Mut, künftig mehr Fragen zu stellen, und auch Empathie geweckt. Gleichzeitig waren die Eindrücke, vor allem in Auschwitz, bedrückend. Wir standen genau dort, wo alles passiert ist, und konnten dem nicht ausweichen. Das bleibt einfach länger im Gedächtnis hängen, als Geschichtsbücher zu lesen", berichteten die Jugendlichen.
"Mich hat schockiert, wie normal alles im ersten Moment aussah: Backsteinhäuser, strahlender Sonnenschein, blühende Bäume. Das hat es umso gruseliger gemacht. Denn so merkt man, dass man heute auch nicht so weit davon entfernt ist. Sobald ich jetzt einen Schornstein oder einen Stacheldrahtzaun sehe, denke ich an die Gedenkstättenfahrt", ergänzte eine weitere Schülerin.
"Die Reise hat die dunklen Zeiten der jüdischen Geschichte greifbar gemacht. Sie hat gezeigt, dass Erinnerung nicht in der Vergangenheit endet, sondern Verantwortung für die Gegenwart bedeutet", erklärte Birgit Kita und fuhr fort: "Gerade als Verantwortliche für die SchUM-Stätten sehen wir es als unsere Aufgabe, jüdische Geschichte allumfassend zu vermitteln, demokratische Werte zu stärken und jungen Menschen Räume für Austausch und Reflexion zu eröffnen."
Im Anschluss sprachen die Beauftragte des Ministerpräsidenten für jüdisches Leben und Antisemitismusfragen, Monika Fuhr, der Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Mainz-Rheinhessen K.d.ö.R., Aharon Ran Vernikovsky, sowie ein Vertreter der Initiative Meet a Jew, Ilan H. Hieronimi, in einer Podiumsdiskussion gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern über die Bedeutung von Gedenkstättenfahrten. Im Mittelpunkt standen die Herausforderungen des zunehmenden Antisemitismus, die Verantwortung der Gesellschaft für eine lebendige Erinnerungskultur sowie die Frage, wie jüdisches Leben in Deutschland nach der Shoah wieder entstehen konnte und heute sichtbar ist.
Einigkeit bestand darin, dass Bildungsangebote wie Gedenkstättenfahrten einen wichtigen Beitrag dazu leisten, Geschichte nicht nur in der Theorie zu vermitteln, sondern erfahrbar zu machen. "Dieses Projekt ist ein starkes Beispiel für Demokratiestärkung. Gerade für junge Menschen ist es immens wichtig, sich mit den aktuellen antisemitischen Entwicklungen in Rheinland-Pfalz, in Deutschland und weltweit auseinanderzusetzen und zugleich aus der Geschichte zu lernen. Wir müssen gemeinsam Haltung zeigen, uns gegen Menschenfeindlichkeit positionieren und solidarisch an der Seite derjenigen stehen, die angefeindet werden", betonte Monika Fuhr.
Persönliche Begegnungen, Gespräche und die intensive Auseinandersetzung mit historischen Erinnerungsorten schaffen Verständnis und stärken die Fähigkeit, Hass, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit in der Gegenwart zu erkennen und ihnen entgegenzutreten. Die Expertinnen und Experten machten zudem deutlich, dass die Begegnung mit dem heutigen jüdischen Leben eine wichtige Ergänzung zur Auseinandersetzung mit jüdischer Geschichte darstellt. Denn wenn der Blick ausschließlich auf die Verfolgung und Vernichtung während der Shoah gerichtet ist, entstünde oftmals der Eindruck, jüdisches Leben habe 1945 aufgehört.
Die SchUM-Stätten als authentische Zeugnisse jüdischer Geschichte sowie die Vermittlungsarbeit des SchUM-Vereins, der SchUM-Städte und der jüdischen Gemeinden bieten dafür wichtige Anknüpfungspunkte. Sie ermöglichen es, die Lebendigkeit und Vielfalt jüdischer Kultur zu vermitteln, persönliche Begegnungen zu schaffen und jüdisches Leben in Vergangenheit und Gegenwart sichtbar zu machen. "Es ist großartig zu sehen, dass es so viele junge Menschen gibt, die engagiert sind, interessiert sind, denen nicht alles egal ist, denen die Gesellschaft und unsere Demokratie wichtig ist - das ist das, was zählt", resümiert Rabbiner Vernikovsky.
Für den SchUM-Verein endet das Projekt deshalb nicht mit dem Reflexionstag. Ziel ist es, die Gedenkstättenfahrt künftig als festen Bestandteil der historisch-politischen Bildungsarbeit zu etablieren sowie perspektivisch auch Schülerinnen und Schülern aus allen drei SchUM-Städten Speyer, Worms und Mainz die Teilnahme an einer solchen Bildungsreise zu ermöglichen.
Die Gedenkstättenfahrt wurde durch das 05ER Klassenzimmer des 1. FSV Mainz 05, das Internationale Bildungs- und Begegnungswerks (IBB) gGmbH, die Bethe-Stiftung, das Bundesprogramm "Jugend erinnert" sowie das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.