03/08/2026 | Press release | Distributed by Public on 03/08/2026 00:54
Prof. Dr. Linda Klein ist Maschinenbauerin und Medienwissenschaftlerin. Promoviert hat sie an der TU Bergakademie Freiberg am Institut für Elektronik und Sensormaterialien (heute: Institut für Nanoskalige und Biobasierte Materialien). Jetzt wurde sie an die Hochschule Reutlingen auf die Professur für biomimetische Materialsysteme berufen. Was sie daran fasziniert und welche Hürden sie als Frau im MINT-Bereich gemeistert hat, erzählt sie im Interview - gemeinsam mit ihrer Doktormutter, Prof. Dr. Yvonne Joseph von der TU Bergakademie Freiberg.
Frau Professorin Klein, was fasziniert Sie an der Biomimetik?
Linda Klein: Egal ob Bionik oder Biomimetik; es ist ziemlich cool, dass wir viele technische Fragestellungen lösen können, indem wir einfach auf die Natur schauen. Und das Spannende finde ich dabei, dass es oft extremst simple Lösungen für komplexe Probleme sind. Also die Evolution hat da richtig, richtig gute Ideen hervorgebracht und vor allem auch sehr nachhaltige. Was daran besonders Spaß macht - und deshalb sehe ich mich auch sehr an der jetzigen Professur - es fußt auf eine Interdisziplinarität. Ich brauche Physik, ich brauche Chemie, ich brauche Biologie, ich brauche Ingenieurswissenschaften.
Sie haben vorher Medienwissenschaften studiert. Wie sind Sie zur biomimetischen Forschung gekommen?
Linda Klein: Ja, interessanterweise hat sich der Kreis dann am Ende geschlossen, den ich vorher nie gesehen habe. Schon bei meinem ersten Studium, der Europäischen Medienwissenschaft haben mich philosophische Anteile und ethische Anteile sehr fasziniert. Eben, dass wir Menschen immer an der Schnittstelle zur Natur agieren und oder technische Produkte als Schnittstelle sehen. Was mich aber damals ein bisschen genervt hat, war, dass man immer nur an der Oberfläche gekratzt hat. Es ging eher darum, Produkte äußerlich zu gestalten; mir fehlte das Reinzoomen in das Produkt.
In meinem zweiten Studium, dem Maschinenbau, habe ich eine Affinität zu Materialien entwickelt: Jetzt beginne ich beim Molekül, also von innen heraus. Und so bin ich während der Promotion bei Professorin Joseph letztendlich bei funktionalisierten Materialsystemen (Composite) und über meine aktuelle Professur bei den biomimetischen Materialsystemen angekommen.
Für Professorin Linda Klein geht es im März direkt los an der Hochschule Reutlingen. Wie konnten Sie, Frau Professorin Joseph, Frau Klein, auf dem Weg zur Professur unterstützen?
Yvonne Joseph: Im Wesentlichen dadurch, dass ich da war und Fragen beantwortet habe. Fragen, die meine Doktorandin vielleicht noch gar nicht gestellt hat, weil sie nicht wusste, dass sie die stellen soll. Auf dem Weg zur Professur gibt es viele ungeschriebene Gesetze auf dem Linda Klein hat ja ihre Promotion industriebegleitend gemacht und hatte deswegen die ganzen internen Prozesse in der Universität gar nicht so auf dem Schirm. Das Allerwichtigste finde ich tatsächlich diese bestärkende Rolle: Jemandem Mut zu machen, dass alles, was er oder sie glaubt, erreichen zu können, auch erreichen kann.
Linda Klein: Ja, das stimmt. Yvonne hat letztendlich vor allem ehrliches Feedback gegeben: Forsche da weiter, lass dieses Forschungsergebnis nicht liegen, ... Das fand ich sehr hilfreich, weil man sich ja doch permanent hinterfragt während dem Promotionsprozess. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber vor allem als Frau in diesem wissenschaftlich-technischen Umfeld habe ich mir über meine ganze Karriere hinweg immer wieder die Frage gestellt, ob ich in diese Fachbereich eigentlich richtig bin.
Sie haben es gerade angesprochen, Frau Klein. Können Sie die Hürden als Frau im MINT-Bereich beschreiben?
Linda Klein: Letztendlich spürte ich diese Hürden ab meinem Maschinenbaustudium. Da wurden meine fundiert aufgearbeiteten Ergebnisse angehört und dann wurde von den Männern im Umfeld so getan, als hätte ich nie gesprochen. Und so tough man auch nach außen hin scheint oder versucht zu sein, das macht was mit einem. Man hinterfragt permanent, bin ich überhaupt richtig? Bin ich wirklich schlechter als die anderen? Das waren meine persönlichen Erfahrungen. Ich kann das nicht wissenschaftlich nachweisen, aber ich spüre, dass es in unserer Gesellschaft, teilweise bewusst, teilweise unbewusst, so wahrgenommen wird, dass die Forschung der Frauen oder das, was die Frauen leisten, nicht so fundiert ist, wie die der Männer. Oder, dass diese Leistung einfach nicht gesehen werden will.
Yvonne Joseph: Leider ist man als Frau in MINT-Fächern immer etwas exponiert. Man ist oft die eine Frau oder eine von wenigen. Da muss man resilient sein, sich immer wieder selbst vergewissern: "Ich bin hier und das ist gut und richtig so!"
Aber es gibt doch viele Programme, um junge Wissenschaftlerinnen zu unterstützen…
Yvonne Joseph: Die gibt es natürlich an jeder Hochschule. An der TU Bergakademie Freiberg gibt es Mentoring-Programme für Studierende, für Doktorandinnen und auch für Postdocs. Von diesen Gruppenangeboten können junge Frauen viel mitnehmen. Was aber trotzdem immer noch wichtig ist, ist die individuelle Förderung. Denn jede Person, ob Mann oder Frau, hat andere Probleme, hadert an anderen Stellen, hat zu anderen Zeiten vielleicht auch Krisen. Genau dann muss man als Mentorin oder Mentor ansprechbar sein!
Linda Klein: Das sehe ich ähnlich. Die Programme sind sehr hilfreich, aber am meisten habe ich von Role Models profitiert. Also von jemandem, wie Professorin Joseph, die mir auf Augenhöhe begegnet und nicht nur fachlich aber auch mental ein Sparringspartner ist. Ich habe von meiner Mentorin beispielweise gelernt, karrierestrategisch zu agieren: Wie verhalte ich mich in Meetings? Wie gehe ich mit einem dummen Spruch um? Auf was kommt es in einem Berufungsverfahren an?
Beobachten Sie beide da möglicherweise auch so einen Kulturwandel? Also ist die Wirtschaft, sind die Hochschulen bereit für Frauen im MINT-Bereich?
Yvonne Joseph: Also ich glaube, dass das ein gesellschaftliches Problem ist und, dass jede einzelne Hochschule, jedes Unternehmen für sich gar nicht so viel ändern kann. Wird aus dem Mädchen eine Frau steht man als Person unter diesem gesellschaftlichen Druck. Und sobald man da aus der Reihe tanzt, in irgendeiner Art und Weise von Normen oder Konventionen abweicht, hat man ein Problem. Dann geht man auf einen Konfrontationskurs und das muss man wollen und aushalten können.
Linda Klein: Es gibt aber, wie ich bei verschiedenen Berufungsgesprächen gemerkt habe, Unterschiede von Hochschule zu Hochschule, wie diese mit Frauen und dem Thema Familie umgehen. An der Hochschule Reutlingen kann ich mit meinem zweiten Kind im Arm, gerade erst drei Monate alt, Vorlesungen halten. Es gibt Wickeltische, eine Campus-Kita und ein Programm zur Ferienbetreuung, auch für die älteren Kinder. Es ist gut, dass die Hochschulen sich engagieren. Aber gesamtgesellschaftlich sollte Familie im Kontext von Arbeit viel mehr selbstverständlich werden.
Yvonne Joseph: Ich glaube, es gibt viele Frauen, die einfach aus Familiengründen keine wissenschaftliche Karriere anstreben.
Linda Klein: Ja, weil sie denken, sie müssen wegen Kindern oder anderen Betreuungsaufgaben zurückstecken. Und ich glaube, den Schritt müssen wir noch mehr gehen, dass man mit diesem Thema Familie und Arbeit viel normaler umgeht. Aber da sind wir meiner Meinung nach leider noch lange nicht.
Und um nochmal auf Frauen in der Wissenschaft zurückzukommen: In meiner Laufbahn bin ich immer wieder tollen Menschen begegnet, Frauen und Männern, die mich unterstützt und ermutigt haben. Mein wichtigster Rat ist deshalb, sich zu vernetzen, miteinander zu reden und auch über sich zu reden. Es gibt viele beeindruckende Wissenschaftlerinnen. Als ich Yvonne einmal für die gute Betreuung gedankt habe, sagte sie sinngemäß, ihr größter Beitrag sei, das weiterzugeben, was ihr selbst geholfen hat. Dieser Gedanke begleitet mich bis heute und bleibt auch für die Zukunft: Wir werden an verschiedenen Schnittstellen weiterhin zusammenarbeiten.