Westfälische Wilhelms-Universität Münster

07/07/2026 | Press release | Distributed by Public on 07/07/2026 04:32

Über die Bedeutung von Rückmeldungen in der Schreibförderung

Schülerinnen und Schüler benötigen Rückmeldungen, damit sie ihre Schreibkompetenzen verbessern können. © stock.adobe.com - carballo

"Fehler sollten nicht als Defizit verstanden werden, sondern als Gelegenheit, etwas Neues dazuzulernen"

Ein Interview mit Erziehungswissenschaftlerin Vera Busse über die Bedeutung von Rückmeldungen in der Schreibförderung

Rückmeldungen - auch Feedback genannt - sind sowohl im Arbeitsleben als auch in der Schule von zentraler Bedeutung. Insbesondere für die Entwicklung des Schreibens spielt es eine wichtige Rolle. Im Interview mit Kathrin Nolte erklärt Prof. Dr. Vera Busse vom Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Münster, was es dabei zu beachten gilt.

Wie können die Lehrerinnen und Lehrer Feedback so gestalten, dass es für die Kinder und Jugendlichen motivierend und hilfreich ist?

Die Kunst des Feedbacks zeichnet sich zum einen durch die Erinnerung an das Lernziel und die Feststellung des aktuellen Wissensstands aus. Lehrkräfte sollten zum anderen den Schülerinnen und Schülern aufzeigen, wie der nächste Schritt aussehen muss, um ihre Leistungen zu verbessern. Dabei geht es aber nicht darum, einfach einen Schritt vorzugeben, sondern den Kindern und Jugendlichen Tipps zu geben, damit sie Probleme selbst lösen können. Dazu gehört zum Beispiel, ihre eigenen Texte zu überprüfen. Wirksame Rückmeldungen brauchen dementsprechend eine lernförderliche Feedbackkultur. Fehler sollten dabei nicht als Defizit verstanden werden, sondern als Gelegenheit, etwas Neues dazuzulernen.

Im Rahmen eines Projekts, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert hat, haben Sie im Englischunterricht der neunten Klasse in Gesamtschulen untersucht, welche Art von Rückmeldungen sich positiv auf argumentative Texte auswirken. Zu welchen Erkenntnissen sind Sie dabei gekommen?

Prof. Dr. Vera Busse © Uni MS - Linus Peikenkamp Wir haben herausgefunden, dass die typischen Kommentare am Textrand nicht die beste Form der Rückmeldung sind. Deutlich wirksamer waren Feedbackbögen, die den Kindern klar zeigen, worauf es bei einem guten argumentativen Text ankommt. Ergänzt werden diese Bögen durch Musterbeispiele, an denen die Schülerinnen und Schüler erkennen können, wie ein gelungener Text aussieht. Dadurch verstehen sie nicht nur, was sie verbessern sollen, sondern auch, wie sie dies umsetzen können. Die Lehrkräfte richten den Blick damit stärker auf die Qualität und den Aufbau des Textes als auf einzelne Fehler. Die Schüler, die mit den Feedbackbögen arbeiteten, steigerten ihre Leistung von etwa 38 auf 70 Prozent der maximal möglichen Punktzahl. Die Gruppe mit klassischen Randkommentaren verbesserte sich dagegen nur von rund 33 auf 51 Prozent.

Gab es dabei auch überraschende Ergebnisse?

Besonders schwächere Schülerinnen und Schüler profitieren von dieser Form des Feedbacks. Durch die übersichtliche Darstellung können sie sich besser darauf konzentrieren, was einen guten Text ausmacht - also nicht die Rechtschreibung oder einzelne Fehler, sondern die inhaltliche und strukturelle Qualität eines Textes. Wir haben gezeigt, dass sich durch den Einsatz der Feedbackbögen die Leistung der Schüler im Vergleich zu anderen Formen der Rückmeldung erheblich verbessert. Ein weiterer positiver Befund: Die Fortschritte im englischsprachigen Schreiben hatten einen förderlichen Effekt auf das Schreiben argumentativer Texte auf Deutsch. Das bietet Potenzial für eine fächerübergreifende Schreibförderung. Außerdem ist der Arbeitsaufwand für die Lehrkräfte viel geringer, und die Rückmeldungen sind transparenter.

In einem weiteren vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderten Projekt haben Sie untersucht, wie Lehrkräfte in der Schreibförderung sowie im Geben von Rückmeldungen fortgebildet werden können. Welche Schlüsse konnten Sie daraus ziehen?

Im Mittelpunkt stand ein sogenannter ,Scaffolding'-Ansatz - also eine Form der Lernunterstützung, bei der die Kinder schrittweise an das eigenständige Schreiben herangeführt werden. Dabei geht es vor allem um den Schreibprozess selbst. Die Schülerinnen und Schüler durchlaufen bewusst die einzelnen Schreibschritte - vom Planen über das Schreiben eines ersten Entwurfs bis hin zum Überarbeiten. Unterstützt wird dieser Ansatz durch gegenseitige Rückmeldungen, die sich die Kinder zu ihren Texten geben. Eine wichtige Rolle spielt außerdem das Lernen am Modell: Lehrkräfte zeigen selbst, wie sie einen Text entwickeln, und sprechen dabei laut aus, welche Gedanken und Entscheidungen sie beim Schreiben treffen. So wird für die Kinder nachvollziehbar, wie ein Text entsteht. Unsere Studie zeigt, dass dieser Ansatz - auch in Kombination mit den zuvor beschriebenen Feedbackmethoden - wirksam ist. Viele Schülerinnen und Schüler zeigten, statistisch betrachtet, signifikant größere Schreibfortschritte als die Vergleichsgruppe.

Warum ist es denn überhaupt wichtig, Lehrkräfte für die Feedback-Kultur zu sensibilisieren und sie entsprechend fortzubilden?

Obwohl das Schreiben in fast allen Fächern eine wichtige Rolle spielt und in der Leistungsüberprüfung eine zentrale Funktion hat, nehmen Schreibförderung und das Erlernen von Rückmeldungen aufgrund des umfangreichen Curriculums im Lehramtsstudium und in der Ausbildung nur einen untergeordneten Stellenwert ein. Viele Lehrkräfte stehen gleichwohl vor der Aufgabe, die Schülerinnen und Schüler in ihrer Schreibentwicklung gezielt zu unterstützen und ihnen förderliche Rückmeldungen zu geben. Deshalb sind entsprechende Fortbildungen unverzichtbar.

Zum Hintergrund

Die wissenschaftlichen Ergebnisse, die diesem Interview zugrunde liegen, resultieren aus zwei Forschungsprojekten: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat das Projekt "Schreibkompetenzförderung durch Feedback" gefördert. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt unterstützte das Projekt "KommSchreib! Kooperativ, kompetent, motiviert Schreiben - ein Interventionsprojekt zur Förderung von Schreibkompetenz, Schreibmotivation und sozialer Partizipation in Grundschule und Ganztag".

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