Genf, 17. Mai 2026
Die Energiepreise schwanken, Lieferketten stehen unter Druck, und die geopolitischen Erschütterungen der letzten Jahre haben deutlich gemacht, wie anfällig Gesellschaften durch ihre Abhängigkeit von fossilen Energieträgern sind, und zwar in wirtschaftlicher, politischer und gesundheitlicher Hinsicht. In den letzten zehn Jahren hat sich der weltweite Temperaturanstieg deutlich beschleunigt, und Europa verzeichnet von allen Regionen der WHO den schnellsten Anstieg, nämlich doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt. Durch den rasanten Temperaturanstieg erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass plötzliche "Kipppunkte" im Klimasystem erreicht werden, die dramatische Veränderungen in wesentlichen Erdsystemen auslösen. Das Zeitfenster für die Verhinderung irreversibler Schäden wird immer kleiner.
Vor diesem Hintergrund veröffentlicht die Paneuropäische Kommission Klima und Gesundheit heute ihren Handlungsappell. Dieser vom WHO-Regionaldirektor für Europa, Dr. Hans Henri P. Kluge, einberufenen Kommission, die unter dem Vorsitz der ehemaligen isländischen Ministerpräsidentin Katrín Jakobsdóttir steht, gehören 13 ehemalige Regierungschefs, Leiter internationaler Organisationen, Minister und führende Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft aus der 53 Länder umfassenden Europäischen Region der WHO an. Die Botschaft an die Regierungen ist klar: Der Klimawandel ist keine zukünftige Bedrohung, die es zu bewältigen gilt. Vielmehr handelt es sich um eine akute und sich verschärfende Krise, die gleichzeitig die Bereiche Gesundheit, Ernährung, Wasser, Energie und nationale Sicherheit betrifft; und die derzeitigen Maßnahmen werden dem Ausmaß dieser Krise nicht gerecht.
Maßnahmen im Bereich Klima und Gesundheit sind eine kluge Investition
Die 17 Empfehlungen der Kommission erstrecken sich auf vier Bereiche: Behandlung des Klimawandels als wachsende Bedrohung für die Gesundheitssicherheit; Umgestaltung der Gesundheitssysteme; Ausweitung lokaler Maßnahmen; und Reformierung der Wirtschafts- und Finanzsysteme, die die Klimakrise befeuern. Im Kern geht es um eine Herausforderung sowohl für die Regierungen als auch für die WHO: Die geltenden Regeln, die finanziellen Mittel und die politischen Prioritäten weisen alle in die falsche Richtung, und die Zeit für graduelle Anpassungen ist vorbei. Diese Empfehlungen dienen als Leitfaden für Regierungen, die bereit sind, Finanzmittel so weit wie möglich zu verlagern: von Maßnahmen, die die Klimakrise beschleunigen, auf Maßnahmen zur Verhinderung dieser Krise.
"Die Klimakrise stellt eine Bedrohung für unsere Sicherheit, den sozialen Zusammenhalt, die Menschenrechte und die Gesundheit dar", erklärte Katrín Jakobsdóttir, Vorsitzende der Paneuropäischen Kommission Klima und Gesundheit. "Das ist keineswegs nur ein Problem für künftige Generationen, sondern stellt für uns hier in Europa bereits jetzt eine reale und unmittelbare Bedrohung dar. Klimaschutz ist nicht nur eine Notwendigkeit. Er ist eine Investition mit hoher Rendite für eine gerechtere und widerstandsfähigere Gesellschaft. Wir alle haben die politische und moralische Pflicht, jetzt zu handeln."
Die Kommission fordert die Regierungschefs auf, den Themenkomplex Klima und Gesundheit auf die Tagesordnung ihrer nationalen Sicherheitsräte zu setzen und dabei alle zuständigen Ministerien, und namentlich die Ressorts Verteidigung, Energie und Finanzen, einzubeziehen. Da die europäischen Regierungen derzeit als Reaktion auf den zunehmenden geopolitischen Druck öffentliche Mittel verstärkt in den Sicherheitsbereich umleiten, argumentiert die Kommission, dass der Klimawandel selbst ein primäres Sicherheitsrisiko darstellt: ein Risiko, das bereits jetzt die Infrastruktur, die Gesundheitssysteme sowie die Nahrungs- und Wasserversorgungssicherheit in der gesamten Europäischen Region beeinträchtigt und dessen Kosten mit jedem Jahr, in dem Maßnahmen aufgeschoben werden, weiter steigen werden.
Die Luftverschmutzung durch die Verbrennung fossiler Energieträger fordert in der Europäischen Region jährlich Hunderttausende Menschenleben. Dieselben fossilen Brennstoffe, die die Klima- und Gesundheitskrise verschärfen, machen die Energiesysteme anfällig für Versorgungsengpässe und Preisspitzen - Kosten, die diejenigen am härtesten treffen, die sie am wenigsten tragen können. Die Kommission argumentiert, dass die Beschleunigung der Umstellung auf saubere erneuerbare Energien und mehr Energieeffizienz nicht nur eine Notwendigkeit für Klima und Gesundheit ist, sondern auch der Weg zu mehr Energiesicherheit und einer gerechteren Wirtschaft.
Die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Gründe für ein sofortiges Handeln sind eindeutig. Die Kosten der Untätigkeit übersteigen die Kosten für frühzeitige Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen bei Weitem. Der graduelle Abbau von Subventionen für fossile Energieträger und die Umleitung dieser Mittel in erneuerbare Energien, den öffentlichen Nahverkehr, eine nachhaltige Ernährung und klimaresiliente Gesundheitssysteme würde Leben retten, die Gesundheitskosten senken und die Abhängigkeit der Europäischen Region von schwankungsanfälligen Importen fossiler Brennstoffe verringern.
"Der Klimawandel ist eine Sicherheitsbedrohung, eine gesundheitliche Notlage und eine wirtschaftliche Zeitbombe in einem", erklärte Dr. Hans Henri P. Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa. "Doch nach wie vor geben Regierungen Milliarden aus, um jene Brennstoffe zu subventionieren, die den Klimawandel verursachen und unsere Gesundheitssysteme belasten. Diese Kommission macht den Staats- und Regierungschefs unmissverständlich klar: Handeln Sie jetzt, solange noch die Möglichkeit besteht, vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen."
Eine gesundheitliche Notlage
Die Kommission fordert die WHO auch auf, den Klimawandel offiziell zu einer gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite zu erklären. Der derzeitige Rahmen der Internationalen Gesundheitsvorschriften - mit seiner Ausrichtung auf zeitlich begrenzte Epidemien - ist nicht für eine Bedrohung dieser Art ausgelegt. Genau da, so argumentiert die Kommission, liege das Problem. Die Vorschriften haben nicht mit dem Ausmaß der Krise Schritt gehalten, und da keine offizielle Notlage erklärt wurde, konnten die Regierungen den Klimawandel eher als chronisches Hintergrundproblem behandeln denn als akute, eskalierende Bedrohung, die sich bereits deutlich manifestiert.
Grundlegende Umgestaltung der Gesundheitssysteme
Die Kommission gibt konkrete Empfehlungen zur Verbesserung der Klimaresilienz der Gesundheitssysteme und zur Verringerung ihrer Treibhausgasemissionen. Sie plädiert für eine verpflichtende Fortbildung von Gesundheitsfachkräften zu Fragen von Klimawandel und Gesundheit, eine stärkere Berücksichtigung der psychischen Gesundheit bei der klimabezogenen Gesundheitsplanung sowie die Einbeziehung zentraler Klimaindikatoren in die Leistungsbewertung der nationalen Gesundheitssysteme. Da der Großteil der Treibhausgasemissionen im Gesundheitswesen aus Lieferketten stammt, plädiert die Kommission für klimafreundliche Beschaffungsstandards in der gesamten Europäischen Region, um den Lieferanten ein einheitliches Nachfragesignal zu senden.
Ausweitung lokaler, gemeindenaher Lösungen für Klima und Gesundheit
Auf der Grundlage von Beispielen für Initiativen auf städtischer und kommunaler Ebene schlägt die Kommission einen Rahmen für die Rechenschaftslegung vor, der die Überwachung der Umsetzung und ein "Lernen durch Praxis" vorsieht und den Wissensaustausch auf lokaler Ebene fördert.
"Der Klimawandel wirkt sich bereits in vielfältiger Weise auf die Gesundheit in der gesamten Europäischen Region aus", erklärte Prof. Sir Andrew Haines, Oberster wissenschaftlicher Berater der Kommission, "doch Maßnahmen für den Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel beinhalten Chancen, die Gesundheit zu schützen und zu fördern. Die Herausforderung besteht nun darin, diese Maßnahmen in großem Maßstab umzusetzen und der Öffentlichkeit sowie den politischen Entscheidungsträgern ihre Vorteile vor Augen zu führen."
Messen der maßgeblichen Einflussgrößen
Die Kommission fordert die Regierungen außerdem dazu auf, ihre Methoden zur Messung von Fortschritten zu überdenken. So erfasst das Bruttoinlandsprodukt (BIP) den Verbrauch fossiler Energieträger als Wirtschaftsleistung, lässt dabei jedoch die Gesundheitskosten infolge der Umweltverschmutzung, die wirtschaftliche Belastung durch Klimakatastrophen und das Wohlergehen künftiger Generationen außer Acht. Daher fordert die Kommission die Regierungen und die internationale Gemeinschaft auf, Kontrollsysteme zu entwickeln, die auf einer Metrik basieren, bei der Gesundheit, Chancengleichheit und ökologische Nachhaltigkeit im Mittelpunkt der Entscheidungsprozesse stehen; darüber hinaus fordert sie die WHO auf, innerhalb des Systems der Vereinten Nationen die Koordinierung im Bereich Klima und Gesundheit zu verstärken.
Die Empfehlungen der Kommission werden von einer Anzeigetafel der erreichten Fortschritte begleitet, die konkrete Indikatoren und Mechanismen zur Rechenschaftslegung enthält, um die Umsetzung in allen Ländern verfolgen zu können.