01/27/2026 | Press release | Distributed by Public on 01/27/2026 11:29
27.01.2026
Der Landtag und die Landesregierung Nordrhein-Westfalen haben bei einer Gedenkstunde im Plenarsaal gemeinsam an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Sie stand in diesem Jahr anlässlich des Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau 1945 besonders im Zeichen des Erinnerns an die Verfolgung und Ermordung sexueller Minderheiten durch das nationalsozialistische Regime.
An der Gedenkveranstaltung nahmen Abgeordnete aller Fraktionen des Landtags, Mitglieder der Landesregierung und die Antisemitismusbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann, teil. Unter den Gästen befanden sich Vertreterinnen und Vertreter der jüdischen Landesverbände, der Kirchen, des Queeren Netzwerks NRW, des "LSVD⁺ - Verband Queere Vielfalt NRW", von Opferverbänden und Schülerinnen und Schüler des Carl-Friedrich-von-Weizsäcker-Gymnasiums aus Ratingen und der Rudolf-Steiner-Schule Wuppertal.
Bei der Gedenkstunde im Landtag sprachen der Präsident des Parlaments, André Kuper, der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, Hendrik Wüst, Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, der Dokumentarfilmer Klaus Stanjek, Neffe des KZ-Überlebenden Wilhelm Heckmann, sowie Professor Dr. Martin Lücke von der Freien Universität Berlin.
Der Präsident des Landtags, André Kuper.
Ministerpräsident Hendrik Wüst.
Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden.
Dokumentarfilmer Klaus Stanjek, Neffe des KZ-Überlebenden Wilhelm Heckmann.
Professor Dr. Martin Lücke von der Freien Universität Berlin.
Der Präsident des Landtags, André Kuper, betonte: "Der 27. Januar erinnert uns an den dunklen Abgrund, in den Menschenhass und ideologische Verblendung geführt haben: den Zivilisationsbruch der Schoa und die Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden. Zugleich gedenken wir aller Opfer des Nationalsozialismus - auch jener Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität verfolgt, entrechtet und ermordet wurden. Dieser Tag mahnt uns, dem erstarkenden Antisemitismus und jeder Form von Ausgrenzung entschieden entgegenzutreten. Und er verpflichtet uns, das Leid der Verfolgten ernst zu nehmen, Diskriminierung zu überwinden und Brücken zu bauen. Menschlich zu sein und menschlich zu bleiben, das ist unser gemeinsamer Auftrag in einer vielfältigen Gesellschaft."
Der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, Hendrik Wüst, sagte:
"Es ist unsere bleibende Aufgabe und Verantwortung, die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus auch nach mehr als 80 Jahren wachzuhalten. Dazu gehört, auch an jene Opfer zu erinnern, deren Leid lange verdrängt wurde - Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Identität verfolgt wurden. Dieses Gedenken verpflichtet uns heute. Nordrhein-Westfalen ist Heimat der größten jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Das ist ein Geschenk und zugleich ein Auftrag, jüdisches Leben zu schützen. In unserem Land stellen wir uns konsequent gegen Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung. Eine lebendige Erinnerungskultur braucht Handeln."
Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, erklärte:
"Dass die demokratische Erneuerung unseres Landes nach dem Menschheitsverbrechen der Schoa gelingen konnte, ist vor allem das Verdienst der Überlebenden. Lassen Sie uns dieses Erbe ehren, indem wir keinen Schlussstrich ziehen."
Einen historischen und gesellschaftlichen Impuls zur Verfolgung sexueller Minderheiten im Nationalsozialismus und zu deren Situation nach 1945 gab der aus Marl stammende Prof. Dr. Martin Lücke von der Freien Universität Berlin: "Die Opfergruppe der sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten im Nationalsozialismus war vielfältig. Ihre Verfolgung folgte keinem einheitlichen Muster, wohl aber dem gemeinsamen Ziel ihrer Ausgrenzung aus der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Viele von ihnen wurden im Nationalsozialismus totgeschlagen. Totgeschwiegen aber wurde diese Opfergruppe lange darüber hinaus. Und für queere Menschen gab es 1945 keine 'Stunde null'. Zu Beginn der 1950er-Jahre setzte sich die Verfolgung in der jungen Bundesrepublik fort - getragen von alten Denkweisen."
Als Angehöriger eines Verfolgten erinnerte der Dokumentarfilmer Klaus Stanjek an das Schicksal seines Onkels Wilhelm Heckmann, der als Homosexueller verfolgt wurde und insgesamt acht Jahre in nationalsozialistischen Konzentrationslagern inhaftiert war. Stanjek veröffentlichte seine Recherchen 2013 in dem Dokumentarfilm "Klänge des Verschweigens", der am Abend der Gedenkstunde in einem Düsseldorfer Programmkino gezeigt wurde.
Ergänzt wurde die Gedenkstunde durch musikalische Beiträge und den Kurzfilm "Ausgegrenzt. Verfolgt. Verschwiegen. Sexuelle Minderheiten im Nationalsozialismus". Mit einer Schweigeminute für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und dem anschließenden Gebet "El Male Rachamim - G'tt voller Erbarmen" endete die Veranstaltung im Plenarsaal.