Federal Ministry for Education, Family Affairs, Senior Citizens, Women and Youth of the Republic of Germany

07/20/2026 | Press release | Archived content

Karin Prien: 'Verantwortung beginnt aus einer Haltung heraus'

Es gilt das gesprochene Wort.

Liebe Angehörige der Stiftung 20. Juli 1944,

Exzellenzen,

sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Verfassungsorgane des Bundes und der Länder,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Schülerinnen und Schüler!

Hier im Ehrenhof zu Ihnen sprechen zu dürfen, bewegt mich sehr.

Der Bendlerblock ist ein Ort, an dem sich die Ambivalenz unserer deutschen Geschichte auf ganz besondere Weise verdichtet. Ein Ort der Täter - und zugleich ein Ort des mutigen Widerstands.

Heute ist dieser Ort auch Sitz des Bundesministeriums der Verteidigung. Gerade angesichts der sicherheitspolitischen Herausforderungen unserer Zeit erhält seine Geschichte wieder eine neue Aktualität.

An nur wenigen Orten sind Geschichte und Gegenwart so unmittelbar miteinander verwoben wie hier. Dieser Ort fordert jeden von uns heraus, sich zu fragen, welche Verantwortung wir heute tragen.

Ich stehe hier als Bundesministerin für Bildung, Familien und Jugend. Deshalb bewegt mich besonders die Frage, wie wir junge Menschen 80 Jahre nach dem Ende des Krieges mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Widerstands erreichen.

Ich stehe hier auch als Bürgerin und als Nachfahrin von Opfern und Überlebenden der Shoah.

Viele Ideen für ein freies und rechtsstaatliches Deutschland wurden in den unterschiedlichen Kreisen des Widerstands entwickelt. Ihre Ideen machten deutlich: Ein anderes Deutschland war möglich.

Dass es Menschen gab, die diesem Unrechtsregime widerstanden, war auch für meine Familie überlebenswichtig und eine wichtige Voraussetzung, nach dem Krieg wieder Vertrauen in Deutschland zu fassen.

Mein Großvater war Rechtsanwalt und ein sehr politischer Mensch. Er vermittelte mir eindrücklich, wie notwendig politisches Engagement für Demokratie und Rechtsstaat sind. Seine Grundhaltung war: Es gibt keine Kollektivschuld.

Jeder Mensch trägt Verantwortung für sein eigenes Handeln. Der Einzelne macht den Unterschied.

Ich war noch relativ jung, als mein Großvater begann, mit mir über diese Zeit und über Politik zu sprechen. Wir waren uns sehr nah und es ist vermutlich kein Zufall, dass ich auch Juristin geworden bin. Mit Sicherheit kann ich sagen: Mein Großvater prägt meinen moralischen Kompass und mein politisches Handeln bis heute.

Die vielen Gespräche mit ihm führen mich zu einer Frage, die heute genauso aktuell ist, wie damals: Warum leisten Menschen Widerstand? Was befähigt sie dazu, sich gegen Unrecht zu stellen, obwohl sie dafür einen hohen persönlichen Preis zahlen?

Und welche Haltungen brauchen wir heute, um unsere Demokratie zu schützen - nicht erst, wenn sie existenziell bedroht ist, sondern jeden Tag?

Der Widerstand des 20. Juli ist auch deshalb markant, weil er nicht nur vom Mut Einzelner getragen wurde, sondern von verschiedenen Gruppen und Verbindungen von Männern und Frauen aus unterschiedlichsten Milieus, die von gemeinsamen Werten getragen wurden.

Sehr bewegt hat mich zum Beispiel die Geschichte von Hilde Coppi. Andreas Dresen erzählt diese Geschichte in dem wunderbaren Film "In Liebe, Eure Hilde".

Hilde Coppi hätte allen Grund gehabt, sich auf ihr eigenes Leben zu konzentrieren. Sie war jung, verliebt, frisch verheiratet, wollte eine Familie gründen und hatte Zukunftspläne. Doch sie konnte das Unrecht nicht hinnehmen. Sie unterstützte den Widerstand, beteiligte sich an Protestaktionen und informierte Angehörige deutscher Kriegsgefangener über Lebenszeichen, die der Moskauer Rundfunk ausgestrahlt hatte.

Ihr Widerstand war nicht hoch spektakulär, doch ihr Handeln machte den Unterschied. Das Ehepaar Coppi wurde am 12. September 1942 verhaftet. Hilde war schwanger, sie brachte ihren Sohn Hans am 27. November im Berliner Frauengefängnis Barnimstraße zur Welt.

Nur ein Monat später wurde ihr Mann in Plötzensee hingerichtet und im Januar 1943 wurde auch Hilde Coppi zum Tode verurteilt. Im August 1943 - drei Monate vor dem ersten Geburtstag ihres Sohnes - wurde Hilde Coppi in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Hilde Coppi konnte das Leid anderer nicht ausblenden. Sogar im Gefängnis, selbst hochschwanger, half sie anderen Frauen. Gerade ihre Menschlichkeit machte den Widerstand möglich.

Doch es braucht neben Empathie eine zweite Komponente: Gemeinschaft. Auch Hilde Coppi handelte nicht allein, sondern verbunden mit ihren Freunden und ihrem Mann Hans Coppi. Gemeinsam erlebten sie, dass ihr Handeln etwas bewirken konnte.

Ja, der Einzelne macht den Unterschied. Aber Widerstand entfaltet dort seine volle Kraft, wo Menschen einander vertrauen.

Gemeinschaft gibt Menschen den Mut, Verantwortung zu übernehmen. Sie zeigt uns, dass wir nicht allein sind und dass unser Handeln Wirkung entfalten kann.

Gerade deshalb versuchen Diktaturen, die Wirkmacht von gesellschaftlichen Gruppen zu zerschlagen. Im Totalitarismus ist kein Platz für gesellschaftliche Kräfte, die nicht vom Staat kontrolliert werden. Umso mehr muss es uns beschäftigen, dass gemeinsame Werte, Solidarität und gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht schwinden.

Der Widerstand des 20. Juli und anderer Gruppen erinnert uns daran, dass Demokratie nicht allein durch Institutionen geschützt wird.

Sie lebt von einer Ethik der bürgerlichen Verantwortung - von Menschen, die bereit sind, Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen, auch wenn dies unbequem ist.

Helmuth James von Moltke fragte sich in einem Brief an seine Ehefrau Freya:

"Was sage ich, wenn man mich fragt: Und was hast Du während dieser Zeit getan?"

An anderer Stelle schrieb er über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus: "Dazu hat mich mein Gewissen getrieben." In diesen Worten liegt ein Verständnis von Verantwortung, das bis heute aktuell ist: Verantwortung beginnt aus einer Haltung heraus.

Haltung entsteht lange vor der Bewährungsprobe. Sie beginnt im Alltag - in Familien, Schulen, Vereinen und Betrieben. Überall dort, wo Menschen lernen, sich in die Situation anderer hineinversetzen, gegen den Strom zu schwimmen und zu widersprechen.

Demokratiebildung heißt, Menschen dazu zu befähigen, Unrecht zu erkennen und den Mut zu entwickeln, ihm entgegenzutreten.

Gerade darin liegt die Lehre aus dem Widerstand: Eine Demokratie bleibt nur dann stark, wenn genügend Menschen den Mut haben, sich einzubringen - lange bevor außergewöhnlicher Mut erforderlich wird. Wer in einer Diktatur Widerstand leistet, muss die Angst überwinden.

Unser Auftrag in einer freiheitlichen Demokratie ist ein anderer: dafür zu sorgen, dass wir nie wieder in eine Situation geraten, in der solcher Widerstand notwendig wird.

Hier im Bendlerblock, dem zweiten Dienstsitz des Bundesverteidigungsministeriums, ist die Frage nach der individuellen Verantwortung aktuell geblieben. Wir erleben wieder Krieg in Europa. Wir spüren eine zunehmende Polarisierung in unserer Gesellschaft und einen wachsenden Vertrauensverlust in demokratische Institutionen.

Demokratien verschwinden nicht über Nacht. Sie werden langsam ausgehöhlt - wenn Gleichgültigkeit wächst und immer weniger Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Schweigen ist gefährlicher als lauter Widerspruch. Denn wer schweigt, widerspricht nicht mehr - aber verteidigt auch die Demokratie nicht mehr.

Gerade deshalb muss uns beunruhigen, wenn immer mehr Menschen sich aus dem demokratischen Diskurs zurückziehen. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Menschen sich von der Demokratie abwenden.

Dazu gehört, den Sinn für das Gemeinsame zu stärken - über alle Gruppen und Milieus, über Menschen hinweg. Denn das Miteinander ist wahrscheinlich eine wirksame Antwort auf alle, die unsere Gesellschaft spalten wollen.

Demokratie braucht Orte, an denen Menschen einander begegnen und über Meinungsblasen hinweg diskutieren können - in Bibliotheken, Stadtteilzentren oder Dorfkneipen. Orte, an denen Menschen miteinander streiten können, ohne zu Feinden zu werden.

Das ist umso wichtiger in ländlichen und strukturschwachen Regionen. Wo demokratische Räume verschwinden, entstehen Freiräume für extremistische Akteure.

Hilde Coppi zeigt uns, dass auch Widerstand im Kleinen eine große Wirkung entfalten kann.

Mir macht es Hoffnung, dass heute viele Menschen nicht schweigen, sondern aktiv werden. Menschen, die gegen Antisemitismus arbeiten, die historisch-politische Jugendarbeit gestalten, die sensibilisieren und sich dem Menschenhass entgegenstellen.

All die Widerstandsgeschichten, die mir durch den Kopf kreisen, verdichten sich an diesem historischen Ort, dem Bendlerblock, in all seiner Ambivalenz. Ich muss aber auch an all jene Orte des Gedenkens und des Erinnerns denken, die niemand mehr kennt. Die nicht mehr sichtbar sind.

Einer dieser Orte ist das Lager Sobibor im heutigen Polen. Wer sich dort umschaut, braucht viel Vorstellungskraft, um diesen Ort des Widerstands noch erkennen zu können. Schätzungsweise bis zu 250.000 Juden wurden in diesem Vernichtungslager der Schutzstaffel (SS) ermordet. Unter ihnen war auch meine Urgroßmutter Franziska Wihl. Doch nach einem erfolgreichen Aufstand vom Oktober 1943 wurden die Gebäude dem Erdboden gleichgemacht.

Und doch ist es ein bedeutender Ort des jüdischen Widerstands. Hier gelang Häftlingen im Oktober 1943 ein bewaffneter Aufstand und die Flucht hunderter Menschen.

Das Ereignis zeigt: Selbst dort, wo Menschen entrechtet und dem Tod ausgeliefert waren, blieb der Wille zur Selbstbehauptung und zum Widerstand lebendig. Darüber reden wir heute viel zu wenig.

Lassen Sie uns heute auch all jener gedenken, deren Geschichte nicht bekannt und deren Orte ausgelöscht wurden. Sie alle verdienen unser ehrendes Andenken.

Der Bendlerblock ist heute eine Gedenkstätte - ein Ort des Dialogs und des Austauschs.

Hier haben insbesondere junge Menschen die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich kritisch mit der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen.

Wenn Zeitzeugen verstummen und die historischen Orte immer weiter in die Vergangenheit rücken, stellt sich die Frage, mit welcher Form des Gedenkens und der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und dem Völkermord an den europäischen Juden wir junge Menschen künftig erreicht werden können?

Erinnerung braucht zeitgemäße Formen. Digitale Technologien können dabei helfen und Geschichte neu zugänglich machen. Doch sie werden nicht die persönliche Auseinandersetzung und die Begegnung mit authentischen Orten ersetzen.

Gerade Schulen sind Orte, an denen demokratische Haltung wachsen kann. Dort lernen Kinder und Jugendliche nicht nur Geschichte. Sie erfahren, ob ihre Stimme zählt und wie unterschiedliche Meinungen respektvoll ausgetragen werden können.

Der Bendlerblock ist ein Ort, an dem aus Haltung eine mutige Tat wurde.

Ob unsere Generation oder nachfolgende Generationen je vor einer vergleichbaren Entscheidung stehen werden, wissen wir nicht. Aber wir tragen heute Verantwortung dafür, dass wir vorbereitet sind - durch den täglichen Einsatz für Menschenwürde, für Demokratie und für Rechtsstaatlichkeit.

Die vielen Menschen, die oft im Hintergrund, aber unermüdlich für unsere Demokratie, für Versöhnung und Ausgleich, gegen Antisemitismus und Menschenhass eintreten - sie lassen mich hoffen, dass sich Geschichte nicht wiederholt.

Dass Widerstand unter höchster Gefahr wie bei Hilde Coppi nicht mehr notwendig wird.

Ich verneige mich vor den Opfern der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. Vor all jenen, die ihr Leben im Widerstand verloren haben.

Besonders auch den "stillen Helden", die Jüdinnen und Juden unterstützt haben, die untertauchen oder fliehen mussten.

Die Geschichte des Widerstands zeigt uns:
Menschen werden nicht als Helden geboren. Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen, lange bevor Freiheit und Menschenwürde auf dem Spiel stehen.

Vielleicht ist das die wichtigste Lehre des 20. Juli:
Nicht die Frage, ob wir eines Tages zu Heldinnen oder Helden werden. Sondern ob wir jeden Tag Menschen sind, die den Mut haben, ihrem Gewissen zu folgen.

Denn die Freiheit von morgen entscheidet sich in unserem Handeln heute.

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