10/26/2026 | Press release | Distributed by Public on 10/27/2026 09:04
Die Versorgungssicherheit hat für die Bevölkerung in der Energiepolitik oberste Priorität - noch vor der Klimaneutralität und vor tiefen Preisen. Und: 87 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer glauben nicht daran, dass die Schweiz das Netto-Null-Ziel bis 2050 erreichen wird. Diese und andere spannende Befunde gehen aus dem «Avenergy Suisse Energiemonitor 2026» hervor, der im zweiten Jahr in Folge vom Forschungsinstitut Sotomo durchgeführt wurde. Er zeigt, wie die Bevölkerung in einem von Krisen geprägten Jahr ihre Prioritäten setzt.
Der Irankrieg hat gezeigt, wie rasch globale Öl- und Gaslieferungen ins Stocken geraten können; gleichzeitig hat der heisse, trockene Sommer die Folgen des Klimawandels spürbar gemacht. Vor diesem Hintergrund hat Avenergy Suisse im Rahmen des jährlichen Energiemonitors herauszufinden versucht, wie die Bevölkerung energie- und klimapolitische Fragen beurteilt und ob es im zeitlichen Vergleich zu Veränderungen gekommen ist. Die Resultate zeigen ein durchaus differenziertes Bild.
Netto-Null: Das Ziel steht - der Glaube an die Erreichung fehlt
Wie schon im Vorjahr unterstützen rund 60% der Befragten das Netto-Null-Ziel bis 2050. Zugleich glauben aber auch 87% nicht daran, dass die Schweiz dieses Ziel tatsächlich erreichen wird - ein Trend, der sich gegenüber dem Vorjahr sogar noch leicht verstärkt hat (der Anteil des klaren «Nein» stieg von 46% auf 50%). Den wichtigsten Hebel unter den Anstrengungen gegen den Klimawandel sieht die Bevölkerung in technischen Innovationen: 94% erachten sie als wichtig, gegenüber 89% im Vorjahr. Das individuelle Handeln, also Klimaschutzbemühungen jedes und jeder einzelnen, folgt mit 78% auf dem zweiten Platz. Staatliche Regulierungen finden mit 57% am wenigsten Zuspruch.
Betrachtet man die Handlungsabsichten der Befragten, legt die Befragung allerdings gewisse Widersprüche offen: Obwohl individuelle Klimaschutzmassnahmen als äusserst wichtig eingestuft werden, wären nur 57% der Befragten bereit, ihr Verhalten stärker am Klimaschutz auszurichten. Und das alltägliche Verhalten hat sich trotz Hitzesommer gegenüber dem Vorjahr kaum verändert. Zudem zeigt sich nur knapp die Hälfte der Befragten (49%) offen, für Energie aus erneuerbaren Quellen mehr zu bezahlen. Zwischen Anspruch und Handeln scheint also eine gewisse Diskrepanz zu herrschen.
Sorgen um den Wohlstand, hohe Bedeutung der Versorgungssicherheit
Ein weiterer Widerspruch offenbart sich bei der Frage, wie sich der Umbau des Energiesystems auf den Wohlstand auswirken wird: Obwohl die Energiewende nach wie vor stabilen Rückhalt geniesst, gehen 56% der Befragten davon aus, dass diese den Wohlstand der Schweiz eher schmälert als fördert - was einer Zunahme von 6 Prozentpunkten gegenüber der Befragung 2025 entspricht.
Eine der zentralen energiepolitischen Fragen liegt im sogenannten Energietrilemma begründet: Energie soll idealerweise sicher verfügbar, ökologisch und günstig sein - Anforderungen, die sich teilweise gegenseitig widersprechen. In unserer Befragung zeigt sich dabei eine klare Rangordnung: Für 83% der befragten Schweizerinnen und Schweizer ist die Versorgungssicherheit wichtiger als tiefe Preise und für zwei Drittel (66%) wichtiger als die Klimaneutralität. Die Klimaneutralität wiederum setzt sich mit 59% gegen tiefe Preise durch. Bemerkenswert ist dabei das Vertrauen in die Versorgung mit Mineralölprodukten: Trotz Krise am Golf sorgt sich nur knapp ein Drittel (31%) um die Versorgung mit Brenn- und Treibstoffen. Das zeigt ein deutliches Vertrauen in die Resilienz der Versorgung mit Mineralölprodukten. Michael Hermann, Politgeograf und Geschäftsführer von Sotomo, sagt dazu: «Die Studie weist auf eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen Wunsch und Verhalten hin: obwohl der Klimaschutz in der Schweiz von einer grossen Mehrheit der Bevölkerung als wichtig erachtet wird, richten die Schweizerinnen und Schweizer ihr alltägliches Verhalten noch kaum stärker am Klimaschutz aus.»
Energiekosten: Sorge konzentriert sich bei tiefen Einkommen
Die Erhebung zum zweiten «Avenergy Suisse Energiemonitor» fand vom 3. bis 14. Juli 2026 statt - also 4 Monate nach Ausbruch des Irankriegs, aber noch vor dem deutlichen Anstieg der Treibstoff- und Heizölpreise im September. Zum Erhebungszeitpunkt fühlte sich eine Minderheit von 39% von den gestiegenen Energiepreisen stark betroffen und 13% sorgten sich regelmässig um die künftige Bezahlbarkeit von Strom, Heizung und Treibstoffen. Die Studie zeigt zugleich, wo die Belastung ankommt: In der tiefsten Einkommensgruppe (Äquivalenzeinkommen bis 4000 Franken) sorgt sich mit 22% ein deutlich grösserer Anteil regelmässig um die Energiekosten. Im Verhalten schlagen sich die Preise bislang kaum nieder: nur 17% sind zum Befragungszeitpunkt wegen höherer Kosten weniger Auto gefahren, 4% wegen höherer Ticketpreise weniger geflogen.
Fossile Energien: unterschätzt - und noch lange Teil des Systems
Den Anteil fossiler Energien am Schweizer Endverbrauch schätzt die Bevölkerung deutlich zu tief ein: Erdöl wird auf 30% veranschlagt - tatsächlich sind es 45%. Gleichwohl ist sich die Bevölkerung der Bedeutung fossiler Energieträger bewusst: Wie auch im letzten Jahr geht ein grosser Teil der Befragten (69%) davon aus, dass das öffentliche Leben ohne fossile Energien heute zum Erliegen käme (2025: 66%). Für das Jahr 2050 erwartet die Bevölkerung eine deutliche Verschiebung hin zu erneuerbaren Energien - rechnet aber damit, dass Erdöl und Erdgas zusammen auch dann noch rund einen Fünftel des Energieverbrauchs ausmachen werden. Die Energiewende wird von der Schweizer Bevölkerung also ganz offensichtlich als schrittweise Verschiebung verstanden, nicht als abrupter Bruch.
«Die Bevölkerung sieht den vollständigen Ausstieg aus den fossilen Energien bis 2050 als unrealistisch; vielmehr erwartet sie eine schrittweise Verschiebung der Gewichte. Offenbar sieht die Bevölkerung mehr Hindernisse bei der Umsetzung der Energiewende, als es die öffentliche Debatte manchmal zeichnet», so Michael Hermann.
Für die Studie wurden zwischen dem 3. und dem 14. Juli 2026 insgesamt 1726 Personen befragt. Die Ergebnisse sind repräsentativ für die sprachintegrierte Wohnbevölkerung der deutsch- und der französischsprachigen Schweiz ab 18 Jahren. Der Energiemonitor erscheint im zweiten Jahr in Folge; die Zeitreihen sind mit der Vorjahresstudie vergleichbar.
Der «Avenergy Suisse Energiemonitor 2026» steht ab dem 27.10.2026 auf der Webseite von Avenergy Suisse in deutscher und französischer Sprache zum Download bereit: Download Avenergy Suisse Energiemonitor 2026
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