Bundesland Brandenburg

05/03/2026 | Press release | Distributed by Public on 05/04/2026 04:43

Gedenkveranstaltung in Ravensbrück

Gedenkveranstaltung in Ravensbrück

- Erschienen am 03.05.2026 - Presemitteilung 147

In der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück wurde heute Vormittag in Anwesenheit der Überlebenden Janina Iwańska aus Polen (95), Richard Fagot aus Israel (90), Ib Katznelson aus Dänemark (84) und Ingelore Prochnow aus Deutschland (82) mit einer Gedenkveranstaltung an die Befreiung des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück vor 81 Jahren erinnert. Nach der Begrüßung durch Gedenkstättenleiterin Andrea Genest und die Präsidentin des Internationalen Ravensbrück-Komitees (IRK), Ambra Laurenzi, sprachen die brandenburgische Kultur- und Wissenschaftsministerin Manja Schüle, der Sinto, ehemalige Europaabgeordnete und Musiker, Romeo Franz, sowie Janina Iwańska, die als politische Gefangene nach dem Warschauer Aufstand im KZ Ravensbrück inhaftiert war, zu den Anwesenden. Im Anschluss an christliche und jüdische Gebete wurden am Denkmal "Tragende" Kränze im Gedenken an die Opfer niedergelegt.

Gedenkstättenleiterin Andrea Genest:

"Heute sind viele Angehörige von Ravensbrück-Häftlingen unter uns und Menschen, die sich in Initiativen zusammenfinden, um an KZ-Außenlager oder an frühere jüdische Mitbürger zu erinnern. Dies entspringt einem historischen Interesse - aber auch einer Form von Verantwortung. Für viele von uns erwächst aus diesem Interesse, aus dieser Empathie für eigentlich Fremde zugleich eine erhöhte Aufmerksamkeit für unser heutiges Zusammenleben. Es ist unsere Aufgabe zu erkennen, wann politische Rivalität an Augenhöhe verliert, wann Argumente nicht mehr sachlich sind, wann Nationalismus der bloßen Ausgrenzung dient und wann Anderssein als gefährlich gebrandmarkt wird. Wir können auf unser historisches Wissen zurückgreifen, um uns im Hier und Heute zu verorten, um uns aktiv Ausgrenzung, Verhöhnung, Angriffen und Misstrauen entgegenzustellen. Sie bekommen selten Dank für diese Arbeit, die in der letzten Zeit immer stärkeren Anfeindungen ausgesetzt ist. Dies möchte ich heute tun: Danke für Ihr Engagement!"

IRK-Präsidentin Ambra Laurenzi:

"Auch 81 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Ravensbrück müssen wir leider erneut unsere Bestürzung über die Geschehnisse in der Welt zum Ausdruck bringen. Die Missachtung des Völkerrechts und des Schutzes der Menschenrechte, nicht nur durch Autokratien, sondern auch durch Regierungen, die sich als demokratisch bezeichnen, entfernt uns immer weiter von dem, was die Deportierten in ihren Vermächtnissen von uns verlangten und was sie für die Zukunft der nachfolgenden Generationen erhofften. Viele Jahre lang hofften wir, dass die Folgen des Nationalsozialismus und Faschismus ein wirksames Gegenmittel gegen die Wiederkehr von Gewalt, Invasionen und Zerstörung sein würden. Leider war dies nicht der Fall. Angesichts der aktuellen Ereignisse bemühen wir uns heute, dem Leid und den Opfern unserer Mütter einen Sinn zu geben und zu verstehen, wie wir ihre schreckliche Erfahrung der Deportation ehren und weitergeben können."

Brandenburgs Kulturministerin Dr. Manja Schüle:

"Wir Nachgeborenen erinnern nicht - wir gedenken. Erinnerung gehört denen, die das Erlebte in sich tragen. Wir tragen die Verantwortung dafür, was daraus wird. Denn was in Ravensbrück und anderen Orten geschah, ist nicht Vergangenheit - es wirkt in unserer Gegenwart fort. Wir wissen längst, was zu tun ist. Zeitzeuginnen haben es immer wieder gesagt - ob Margot Friedländer mit ihrer Mahnung 'Seid Menschen', Charlotte Knobloch mit ihrer Bitte 'Passt auf unser Land auf' oder Esther Bejarano mit ihrem Appell 'Steht auf gegen Faschismus, jeden Tag'. Unsere Kinder und Enkel werden uns eines Tages fragen, was wir aus den Erinnerungen und Appellen der Überlebenden gemacht haben. Die Antwort liegt nicht in großen Reden. Sie liegt darin, ob wir die Sprache verändern, in der wir über andere Menschen sprechen. Ob wir den Mund aufmachen, wenn Menschen ausgegrenzt, beleidigt oder bedroht werden. Und ob wir unser Zusammenleben so gestalten, dass die einfachen Antworten der Ideologen nicht verfangen. Das 'Nie wieder' entscheidet sich in unserem Verhalten, jeden Tag."

Romeo Franz berichtete von seiner Urgroßmutter, deren Tochter in Ravensbrück umgekommen ist und deren Sohn 1948 an den Folgen seiner Haft im KZ Ausschwitz starb:

"Wie oft hat meine Urgroßmutter von ihren beiden Kindern gesprochen und geweint, Bärbel die so schön sang, und Joschi, der so fabelhaft Akkordeon gespielt hat. Immer wenn meine Urgroßmutter bei uns sonntags zu Besuch war, spielte ich ihr am Klavier vor. Sie saß im Lehnsessel und hörte, wie ihr zehn Jahre alter Urenkel Romeo auf dem Klavier spielte. Sie war immer voll des Lobes, aber es folgten immer die Worte 'Mein Joschi hat so schön Akkordeon gespielt und meine Bärbel sang dazu'. Und dann weinte sie, ganz leise. Ich verstand es, aber irgendwie fehlte mir als Kind die Vorstellungskraft, diesen Schmerz nachzuempfinden. Heute kann ich es mir als Vater dreier Kinder und Großvater zweier Enkelkinder in etwa vorstellen. Ich glaube, ich hätte diesen Schmerz nicht ausgehalten."

Janina Iwańska, Überlebende des KZ Ravensbrück:

"Als ich 1959 zum ersten Mal nach Ravensbrück zur Einweihung dieses schönen Denkmals kam, war ich voller Hass, Trauer und Wut gegenüber den Deutschen, die diese Hölle geschaffen hatten. Auf dem Weg aus Ost-Berlin durch den westlichen Teil begegneten uns Deutsche, die uns ebenfalls mit Hass begegneten, uns mit erhobenen Fäusten bedrohten, obwohl wir ihnen nichts getan hatten. Als ich 2002 erneut nach Neustadt-Glewe kam, zur Eröffnung der Gedenkstätte am Ort des KZ-Außenlagers, mochte ich die Deutschen noch immer nicht und sagte ihnen das offen, als sie mich um ein paar Worte baten. Seitdem bin ich regelmäßig nach Neustadt-Glewe und nach Ravensbrück gereist. Mit jeder Reise wurde meine Wut kleiner, und die Freundlichkeit wuchs von Begegnung zu Begegnung. Heute habe ich an all diesen Orten Freunde. Ich komme nicht mehr nur, um Blumen niederzulegen und der ehemaligen Häftlinge zu gedenken, sondern auch, um Freunde zu treffen. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass sich alle Völker, die einander feindlich gegenüberstehen, miteinander versöhnen - so wie ich mich mit den Deutschen versöhnt habe."

Bereits am Samstag hatten sich rund 40 Angehörige von Ravensbrück-Häftlingen aus zahlreichen Ländern beim "Forum der Generationen" über familiäre Erinnerungen, ihre Weitergabe und die sich daraus ergebende Verantwortung für die Gegenwart ausgetauscht. Bei einem "Markt der Erinnerung und Begegnung" stellten 18 Initiativen, Gedenkorte und zivilgesellschaftliche Akteure ihre Arbeit vor. Ergänzt wurde das dreitägige Programm durch Führungen, weitere Gedenkformate und kulturelle Beiträge, die unterschiedliche Zugänge zur Geschichte des Ortes eröffneten.

Historischer Hintergrund

Ravensbrück war das zentrale Frauen-Konzentrationslager im Deutschen Reich, in dem zwischen 1939 und 1945 mindestens 120.000 Frauen und Kinder aus ganz Europa inhaftiert waren. Ab 1941 wurde auch ein Männerlager mit insgesamt 20.000 Gefangenen eingerichtet. Mindestens 28.000 Menschen kamen im KZ Ravensbrück um. Kurz vor Kriegsende evakuierten das Internationale sowie das Schwedische und Dänische Rote Kreuz rund 7.500 Häftlinge nach Schweden, in die Schweiz und nach Frankreich. Die verbliebenen 20.000 Häftlinge wurden von der SS auf Todesmärsche Richtung Nordwesten getrieben, viele starben dabei. Am 30. April 1945 befreite die Rote Armee das KZ Ravensbrück und die rund 3.000 zurückgelassenen kranken Häftlinge. Doch das Leiden endete für viele nicht mit der Befreiung: Viele starben in den anschließenden Wochen und Jahren an den Folgen der KZ-Haft.

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