01/27/2026 | News release | Distributed by Public on 01/27/2026 02:54
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Der Welt stehen so viele Informationen wie nie zur Verfügung - die Suche nach relevanten Fakten wird dadurch aber nicht einfacher. Im Gegenteil: Häufig gleicht sie dem sprichwörtlichen Versuch, die Nadel im Heuhaufen zu finden. Das gilt besonders für grosse und schlecht strukturierte Dokumentensammlungen, wie zum Beispiel die Archive verschiedener UNO-Gremien.
Noch ausgeprägter zeigt sich das Problem bei Themen, die je nach Kontext eine andere Bedeutung haben. Der Anthropologe Fabian Winiger etwa forscht in UNO-Dokumenten zu verschiedenen Aspekten von Religion und Spiritualität. «Wenn man dort nach dem Wort ‹Spirit› sucht, gibt es reihenweise Treffer - allerdings sind die meisten unbrauchbar, weil sie beispielsweise einfach Formulierungen wie ‹in the spirit of…› in der Präambel einer Resolution enthalten», sagt er. Für sein Fach ist das sehr unbefriedigend.
Statt sich darüber zu ärgern, wurde Winiger gemeinsam mit drei Kolleg:innen aus anderen Disziplinen aktiv: Sie haben ein KI-Tool entwickelt, das solche Suchen erleichtern soll. Mit dabei sind der Informatiker Yingqiang Gao, die Computerlinguistin Anastassia Shaitarova und der Erziehungswissenschaftler Patrick Montjouridès. Sie alle haben ihre spezifischen Kenntnisse eingebracht: Gao leitete die technische Implementation, Winiger brachte die inhaltliche Expertise zu Religion und Spiritualität ein, Shaitarova lieferte eine allgemeine Textanalyse der Daten sowie Einblicke in die zeitliche Verteilung religiöser Themen, Montjouridès steuerte Wissen über politische Zusammenhänge und internationale Beziehungen bei und konnte als ehemaliger UNESCO-Mitarbeiter den administrativen Aufbau und die Dokumentenstruktur der UNO erklären.
Entstanden ist SpiritRAG: ein interaktives Frage-Antwort-System, das anhand eines Sprachmodells mehr als 7'500 Dokumente der Vereinten Nationen analysiert, die sich mit Religion, Spiritualität, Gesundheit und Bildung befassen. Das Tool ist darauf ausgelegt, Recherchen zu Konzepten zu unterstützen, die kontextabhängig, umstritten und historisch verortet sind.
Für SpiritRAG haben die vier Wissenschaftler:innen den Postdoc Team Award 2025 der UZH erhalten. Winiger freut sich, dass damit der Effort hinter ihrem Projekt gewürdigt wird: «Interdisziplinäres Arbeiten ist quasi Wissenschaft im ‹Hardcore-Modus›», sagt er in Anspielung auf den höchsten Schwierigkeitsgrad in vielen Videospielen. «Es braucht nicht nur Exzellenz im eigenen Fach. Man muss auch verstehen, was die anderen tun. Sonst redet man aneinander vorbei. Das erfordert Zeit und Aufwand - oft deutlich mehr, als die Arbeit im eigenen disziplinären Habitus benötigt.»
Die vier Teammitglieder kommen nicht nur aus unterschiedlichen Fächern, sondern haben auch verschiedene kulturelle und sprachliche Hintergründe. Das aber war keine Schwierigkeit: «Wir haben unglaublich gut und effizient zusammengearbeitet, die Kommunikation war immer im Fluss», betont Gao. «Wir sind wie die Beatles, alle mit ihren Eigenarten», scherzt Shaitarova: «Fabian und Yingqiang sind unser John und Paul. Dann brachte Patrick, genau wie George, mit seiner UNESCO-Erfahrung eine exotische Melodie ein. Ich kam als Letzte dazu. Ich bin wohl Ringo mit meinem gleichmässigen Rhythmus der Korpuslinguistik.»
Der UZH Postdoc Team Award wurde 2022 initiiert. Er zeichnet interdisziplinäre Postdoc-Teams für eine herausragende und eigenständige wissenschaftliche Leistung aus. Die Forschung sollte sich dabei auf aktuelle gesellschaftliche Themen beziehen. Die Preissumme beträgt CHF 15'000 und wird durch eine private Spende an den President's Fund der UZH Foundation ermöglicht.
Ganz ohne Herausforderungen lief die Arbeit nicht ab. Nach den ersten Tests merkte das Projektteam, dass viele Benutzer:innen mit dem Tool wie mit einem normalen Chatbot umgingen, was zu seltsamen Antworten führte. SpiritRAG sei kein normaler Chatbot, sondern eine Forschungsinfrastruktur, sagt Montjouridès: «Es ruft relevante Resolutionen, Berichte und politische Texte aus einem sorgfältig kuratierten Korpus an UNO-Dokumenten ab und formuliert daraus mithilfe von generativer KI Antworten.» Damit die Benutzer:innen das Maximum aus dem Tool herausholen können, steht auf der Startseite von SpiritRAG eine Beispielfrage: «Wie geht die UNO mit Religion und/oder Spiritualität in Konfliktregionen um?». In den Antworten werden stets die Quellen mitgeliefert, sodass die Nutzenden bei Interesse im Originaldokument weiterforschen können. Das Tool richtet sich an Forschende und politische Entscheidungsträger:innen.
RAG steht für Retrieval Augmented Generation: eine Technik, die es grossen Sprachmodellen (Large Language Models, LLMs) ermöglicht, Informationen aus externen Datenquellen abzurufen und zu integrieren.
SpiritRAG wurde an der renommierten EMNLP-Konferenz 2025 im chinesischen Suzhou sowie am AI+X-Summit in Zürich vorgestellt und wird regelmässig auch von UZH-externen Nutzer:innen besucht. Verschiedene Institutionen haben für ihre eigene Arbeit Interesse an der Anwendung bekundet. Die Plattform kann dank einer leichten und modularen Open-Source-Architektur unter Verwendung minimaler Ressourcen mit unterschiedlichen Datensätzen eingesetzt werden. So haben auch andere Fächer mit kontextsensitiven Themen und komplexen Datensätzen die Chance, die Nadel im Heuhaufen zu finden.
Carole Scheidegger, Redaktorin UZH News
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