03/11/2026 | Press release | Distributed by Public on 03/11/2026 04:01
Die Albertina zeigt in der Tietze Galerie die Schau CARE MATTERS. Eine Ausstellung der SAMMLUNG VERBUND, kuratiert von deren Gründungsdirektorin Gabriele Schor, mit rund 50 Werken von 33 österreichischen und internationalen Künstler:innen zum gesellschaftspolitisch relevanten Thema der Care- und Sorgearbeit. Die engagierte Gruppenausstellung, in der viele Werke erstmals in Österreich zu sehen sind, veranschaulicht in fünf Räumen den künstlerischen Wandel von der Feministischen Avantgarde der 1970er-Jahre bis zu zeitgenössischen Positionen. Viele dieser Werke wurden erst jüngst von der SAMMLUNG VERBUND erworben. Die Ausstellung will zur Wertschätzung und Sichtbarkeit der mehrheitlich von Frauen verrichteten Care- und Sorgearbeit beitragen.
Fürsorge, Sorge und Pflege bilden das Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Schon der französische Schriftsteller Albert Camus schreibt 1942, als er über den Wert des Lebens nachdenkt, sich auf Martin Heidegger beziehend: "Die einfache Sorge ist aller Dinge Anfang." Das Wort "sorgen" hat eine doppelte Bedeutung: sich sorgen um jemanden und sorgen für jemanden. Während die erste Bedeutung Gefühle und Emotionen anspricht (wir sorgen uns beispielsweise um Familie, Beruf, Finanzen, Klima und Krieg), meint die zweite Bedeutung die ausführende Tätigkeit. Diese hat einen ambivalenten Charakter. Sie kann sich positiv identitätsstiftend auswirken oder ist durch Anstrengung, Pflicht, zeitraubende Belastung und Abhängigkeit gekennzeichnet.
Sorge tragen umfasst ein vielfältiges und großes Feld, wobei sich die Schau mehrheitlich auf soziale Thematiken konzentriert. Die Ausstellung CARE MATTERS der SAMMLUNG VERBUND widmet sich existenziellen Bereichen der Care- und Sorgearbeit und rückt jene Tätigkeiten ins Zentrum, die unseren Alltag bestimmen, sich häufig im Verborgenen ereignen und mehrheitlich von Frauen verrichtet werden.
Die Ausstellung beginnt mit dem Ort der Küche, der nach wie vor als weiblich gelesen wird, sofern es nicht um bezahlte Gastronomiearbeit geht. Künstlerinnen entwickeln mit Objekten und installativen Arbeiten eine eigenständige Zeichensprache der Küche. Kuratorin Gabriele Schor erklärt dazu: "In den 1970er-Jahren tritt der weibliche Körper als Objekt häuslicher Ordnung auf, wie bei Birgit Jürgenssen, Martha Rosler, Margaret Raspé und Karin Mack. Die Hausfrau ist in ihrer Identitätspolitik im Kontext von Macht, Gender und Ökonomie gefangen. Die jüngere Künstlerinnengeneration rückt zwar Herd (Sophie Gogl), Küchengeräte (Lena Henke) und Geschirr (Nicole Wermers) ins Blickfeld, die Hausfrau, das Subjekt der Sorge- und Care-Arbeit, ist allerdings abwesend. Diese Abwesenheit verweist auf den Zeichencharakter zeitgenössischer Werke. Feministische Objektkultur wird zur Trägerin einer anderen sozialen Erfahrung."
Werke von Sandra Eleta (Panama), Natalia Iguiñiz Boggio (Peru), Letícia Parente (Brasilien), Mary Sibande (Südafrika) und Lorna Simpson (USA) beleuchten, wie reproduktive Arbeit ausgelagert wird, dass sie in diesen Ländern vor allem von Schwarzen Frauen, People of Colour und Indigenen Frauen ungeachtet ihres eigenen Haushalts übernommen wird und dass diese Gruppen von sozialer Benachteiligung betroffen sind, welche auf rassistischem und kolonialem Erbe beruht. Werke der Künstlerinnen Eleta, Iguiñiz Boggio, Parente und Sibande sind erstmals in Österreich zu sehen.
Der dritte Raum der Ausstellung widmet sich dem Spannungsfeld zwischen Elternsein und künstlerischer Praxis. Wie lassen sich Elternschaft und Künstler:innen-Karriere vereinbaren? Werke von Renate Bertlmann, Annegret Soltau, Hannah Cooke und Hansel Sato verweisen auf die Gratwanderung familiärer Verantwortung, Mental Load, Equal Care und gesellschaftlicher Erwartungshaltung gegenüber Müttern, Vätern und Eltern.
Aufgrund des Zuwachses alternder Bevölkerung und steigender Lebenserwartung westlicher Industrienationen sieht sich die Bewältigung der Altenpflege vor großen Herausforderungen. Der Japaner Akihito Yoshida zeigt erstmals in Österreich berührende Fotografien eines generationsübergreifenden Zusammenhalts bei Altenpflege. In Zeiten zunehmender Krisenerfahrung geht die norwegische Künstlerin Frida Orupabo mit ihrer großformatigen Collage auf Communitybildung ein, auf Bezogenheit, aber auch Abgrenzung, Verletzlichkeit und Abhängigkeit. Auch für sich selbst sorgen stärkt gemeinschaftliches Zusammenleben. Beide Künstler:innen zeigen Sorge als Beziehungspraxis, als relationales und gemeinschaftliches Füreinander-da-Sein.
Die Schau endet mit widerständigen Arbeiten von Kirsten Justesen, See Red Women's Workshop, Marlene Haring, Małgorzata Markiewicz, Anna Schölß und Christine Lederer. Mit Ironie und Humor bringen ihre künstlerischen Positionen den Unmut und Frust über die zunehmende Last des Sorgetragens zum Ausdruck.
CARE MATTERS stellt zentrale gesellschaftliche Fragen: Wenn Care-Arbeit essenziell für unser Zusammenleben ist - warum erfährt sie so wenig gesellschaftliche und ökonomische Anerkennung und Wertschätzung? Warum wird der Großteil der Sorgearbeit weiterhin von Frauen, oft unter prekären Verhältnissen, verrichtet? Die Ausstellung versteht sich als Beitrag zur Sichtbarmachung und Wertschätzung jener Arbeit, ohne die unsere Gesellschaft nicht bestehen kann.
VERBUND CEO Michael Strugl: "Mit der Ausstellung CARE MATTERS setzt die SAMMLUNG VERBUND ihr langjähriges Engagement für feministische und gesellschaftspolitisch relevante Kunst fort. CARE MATTERS beleuchtet ein aktuelles sozialpolitisches Thema, nämlich die Wertschätzung und Sichtbarkeit von Sorge- und Care-Arbeit in unserer Gesellschaft. Die künstlerische Auseinandersetzung triff hier mit der sozialen Thematik zusammen, für die sich VERBUND ebenso einsetzt: Seit mehr als 15 Jahren sind die beiden großen caritativen Organisationen Caritas und Diakonie starke Kooperationspartner von VERBUND."
Die SAMMLUNG VERBUND wurde 2004 vom österreichischen Energieunternehmen VERBUND gegründet und umfasst über tausend Werke von rund zweihundert Künstler:innen.
Kuratorin: Gabriele Schor, Gründungsdirektorin der SAMMLUNG VERBUND, Wien
Assistenzkuratorinnen: Eva Haberfellner, Sophie Rueger, SAMMLUNG VERBUND, Wien