07/02/2026 | Press release | Distributed by Public on 07/01/2026 23:47
Quellenangabe © Paul Feldkamp
02.07.2026
Ohne Zuwanderung würde die deutsche Wirtschaft in vielen Bereichen nicht funktionieren. 17 Prozent der in Deutschland Beschäftigten haben eine ausländische Staatsangehörigkeit, Tendenz steigend. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der deutschen Beschäftigten um 269.000 Personen auf knapp 29 Millionen gesunken. Der Anteil ausländischer Beschäftigter stieg dagegen um 194.000 Beschäftigte auf mehr als 5,9 Millionen. Unter dem Strich fehlen damit binnen eines Jahres 75.000 Beschäftigte. Eine bessere Arbeitsmarktintegration von Zugewanderten mindert nicht nur den Fachkräftemangel, sondern erhöht auch die Steuereinnahmen und stabilisiert die Sozialversicherung. Besonders große Potenziale gibt es bei Frauen aus Asylherkunftsländern und bei qualifizierten Zugewanderten, die zu oft als Helfer:innen eingesetzt werden. Dafür müssen Hürden bei Sprache, Anerkennung, Behördenprozessen und Kinderbetreuung abgebaut werden.
Knapp die Hälfte der Beschäftigten in Reinigungsberufen hat eine ausländische Staatsangehörigkeit (47,5 Prozent). In der Lebensmittelherstellung sind es fast 44 Prozent, die Tourismus- und Gastronomiebranche hat einen Anteil von 36 Prozent ausländischer Beschäftigter. Auch im Engpassberuf Pflege kommt mehr als jede:r fünfte Beschäftigte aus dem Ausland. In den kommenden Jahren wird sich dieses Phänomen wegen des demografischen Wandels noch verstärken - denn jeder vierte deutsche Beschäftigte ist älter als 55 und geht innerhalb der nächsten zehn Jahre in Rente. Ausländische Beschäftigte sind dagegen viel jünger, bei ihnen liegt der Anteil der Älteren nur bei gut zwölf Prozent. "Die Zahlen zeigen: Ohne Zuwanderung in beträchtlicher Höhe geraten viele Branchen in Schwierigkeiten. Auch wenn mancherorts Stellen abgebaut werden, gibt es weiterhin über eine Million offene Stellen in Deutschland. Wer den Wohlstand unserer Gesellschaft bewahren will, muss die Integration von Zugewanderten verbessern", sagt unser Arbeitsmarktexperte, Tobias Ortmann. "Es ist höchste Zeit, die Debatte um Zuwanderung zu versachlichen."
Quellenangabe Bertelsmann Stiftung
Innerhalb der Gruppe der Zugewanderten gibt es große ungenutzte Potenziale. Während rund zwei Drittel der deutschen Frauen und Männer sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, liegt der Anteil bei Ausländer:innen nur bei gut 59 Prozent der Männer und knapp 45 Prozent der Frauen. Besonders groß ist der Geschlechterunterschied bei Personen aus Asylherkunftsländern. Acht Jahre nach der Ankunft sind geflüchtete Männer mit 73 Prozent sogar häufiger beschäftigt als der männliche Bundesdurchschnitt von 70 Prozent. Geflüchtete Frauen bleiben mit 31 Prozent auf einem niedrigen Niveau.
Quellenangabe Bertelsmann Stiftung
Bei den Qualifikationen zeigen sich ebenfalls deutliche Unterschiede. 63 Prozent der deutschen Beschäftigten haben einen Berufsabschluss, knapp 21 Prozent sind Akademiker:innen. Bei ausländischen Beschäftigten ist der Anteil mit Berufsabschluss mit knapp 31 Prozent nur etwa halb so groß, mit rund 19 Prozent ist aber ebenfalls jede:r fünfte Akademiker:in. Besonders groß ist der Unterschied zu Beschäftigten aus Asylherkunftsländern. Hier haben nur knapp 18 Prozent einen beruflichen Abschluss, knapp 14 Prozent sind Akademiker:innen. Ganze 44 Prozent sind ohne Berufsabschluss.
Zudem arbeiten ausländische Beschäftigte häufig unterhalb ihrer Qualifikation. In der Gruppe der deutschen Beschäftigten arbeiten gut 12 Prozent als Helfer:innen, bei ausländischen Beschäftigten sind es fast 36 Prozent und bei Beschäftigten aus Asylherkunftsländern knapp 45 Prozent. Selbst unter Beschäftigten mit anerkanntem Berufsabschluss arbeiten Ausländer:innen besonders häufig als Helfer:innen, wodurch vorhandene Qualifikationen weniger produktiv eingesetzt werden und die Betroffenen ein geringeres Einkommen erzielen. In dieser Qualifikationsgruppe trifft das auf gut 29 Prozent der ausländischen Beschäftigten und auf etwa 31 Prozent der Beschäftigten aus Asylherkunftsländern zu. Sogar mit Studienabschluss arbeiten 12,5 Prozent der ausländischen Beschäftigten als Helferinnen, unter denen aus Asylherkunftsländern mit 19,5 Prozent noch fast jede:r fünfte.
Quellenangabe Bertelsmann Stiftung
Im Schnitt sinkt der Anteil derjenigen, die Grundsicherung beziehen. Bei Menschen aus Asylherkunftsländern ging die Quote seit 2020 von 58,2 auf 39,6 Prozent zurück, bei Ukrainer:innen seit 2023 von 64,0 auf 52,1 Prozent. Bei EU-Ausländer:innen liegt sie mit 8,8 Prozent deutlich niedriger, unter diesen sind bulgarische Staatsangehörige mit 25,6 Prozent auffällig häufig im Bürgergeld. Hier dürfte Aufstockung eine wichtige Rolle spielen. 21,3 Prozent, also mehr als jede:r fünfte Leistungsbeziehende, stocken mit Grundsicherung auf. Es sollte konsequenter in reguläre, existenzsichernde Arbeit vermittelt werden. Zugleich braucht es gezielte Prüfungen dort, wo Hinweise auf Scheinarbeit, falsche Angaben oder organisierten Missbrauch vorliegen.
Zuwanderung stützt den Arbeitsmarkt bereits heute. Wie groß ihr Beitrag künftig wird, hängt aber davon ab, ob Hürden auf dem Weg in Arbeit und in qualifikationsgerechte Beschäftigung abgebaut werden. Eine zentrale Hürde ist die Sprache: Gute Deutschkenntnisse erhöhen die Chance auf Arbeit schon kurz nach der Ankunft, besonders bei Frauen. Sprachförderung muss verlässlich finanziert, mit Qualifizierung und Kinderbetreuung verzahnt und berufsbegleitend möglich sein. Ähnlich entscheidend ist die Anerkennung von Abschlüssen und Berufserfahrung. Viele Zugewanderte bringen Qualifikationen mit, können sie in Deutschland aber nicht nutzen. Unterschiedliche Zuständigkeiten beispielsweise nach Berufsfeld und Region führen zu langen Verfahren und häufig nur zu Teilanerkennungen. Diese dürfen nicht zum Endpunkt werden: Nachqualifizierungen müssen schneller, berufsbegleitend und finanzierbar sein. Fehlende Dokumente sollten häufiger durch Qualifikationsanalysen und Kompetenzfeststellungen ausgeglichen werden.
Für ausländische Arbeitnehmer:innen brauchen wir eine gebündelte Anlaufstelle, ein One-Stop-System. Themen wie Sprache, Behördenprozesse und Kinderbetreuung müssen als durchgängige Integrationskette funktionieren
Roman Wink, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung
Auch institutionelle Regeln bremsen den Einstieg. Lange Asylverfahren und unsichere Bleibeperspektiven verzögern die Arbeitsaufnahme und schrecken Betriebe ab. Hinzu kommen Schnittstellenprobleme zwischen Ausländerbehörden und der Arbeitsverwaltung. Nötig sind ein schnellerer Arbeitsmarktzugang, digitale Verfahren mit einmaliger Datenerhebung und nahtlose Übergänge zwischen Behörden. "Für ausländische Arbeitnehmer:innen brauchen wir eine gebündelte Anlaufstelle, ein One-Stop-System. Themen wie Sprache, Behördenprozesse und Kinderbetreuung müssen als durchgängige Integrationskette funktionieren", sagt unser Arbeitsmarktexperte, Roman Wink.
Zusatzinformationen
Das Focus Paper "Arbeitsmarktintegration: Bedeutung, Hürden und Potenziale ausländischer Beschäftigung" der Bertelsmann Stiftung verwendet aktuell verfügbare Daten aus fast 90 Quellen zur Arbeitsmarktintegration von Zugewanderten in Deutschland, unter anderem der Bundesagentur für Arbeit und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, um verschiedene Dimensionen der Erwerbstätigkeit faktenbasiert zu veranschaulichen. Darüber hinaus werden bestehende Hürden auf dem Weg in den Arbeitsmarkt in den Blick genommen. Das Paper gibt einen Überblick zu den zentralen Zahlen und Fakten, illustriert deren Hintergründe und zeigt Handlungsempfehlungen für Politik und Verwaltung auf.