10/26/2026 | Press release | Distributed by Public on 10/26/2026 02:24
Die Schweizer Öffentlichkeit steht unter doppeltem Druck: Desinformation, also absichtlich verbreitete irreführende und falsche Informationen, wird von der Bevölkerung zunehmend als gesellschaftliches Problem wahrgenommen, während journalistische Medien an Reichweite, Publikumsbindung und wirtschaftlicher Basis verlieren. Das Jahrbuch Qualität der Medien 2026 untersucht deshalb in einer Vertiefungsstudie, wie widerstandsfähig die Bevölkerung gegenüber Desinformation ist und welche Rolle verlässliche Informationsangebote dabei spielen. Grundlage ist eine repräsentative Onlinebefragung von 1222 Personen in der Deutschschweiz und der Suisse romande.
57% der Befragten beurteilen Desinformation als eher grosses bis sehr grosses Problem. Das sind 8 Prozentpunkte mehr als 2021. 52% geben an, im Alltag oft oder sehr oft auf eindeutige oder mutmassliche Desinformation zu stossen. Gefragt danach, über welche Kanäle Desinformation besonders verbreitet wird, nennen die Befragten vor allem Social Media (76%), Videoportale wie YouTube (60%), Messenger-Apps (44%) und KI-Chatbots (43%). Journalistische Medien werden deutlich seltener mit Desinformation verbunden und damit mehr als Teil der Lösung, denn als Teil des Problems wahrgenommen.
Einzelne desinformative Verschwörungsaussagen finden in der Bevölkerung beträchtliche Resonanz. So halten 34% die Behauptung für eher oder sehr plausibel, dass 5G-Mobilfunk nachweislich schwere Gesundheitsschäden verursache. 37% halten es für eher oder sehr plausibel, dass Regierungen den Klimawandel als Vorwand nutzen, um die Bevölkerung zu kontrollieren. «Die Befunde zeigen, dass Desinformation bei einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung auf Resonanz stösst», sagt Professor Mark Eisenegger, Co-Direktor des fög. «Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass viele Menschen der Desinformation nicht schutzlos ausgeliefert sind.»
Entscheidend für die Widerstandsfähigkeit gegen Desinformation ist die Mediennutzung. Dabei geht es nicht allein darum, wie häufig jemand Nachrichten nutzt, sondern auch welche Quellen zum persönlichen News-Repertoire gehören. Anhand einer neuen Messung solcher Repertoiretypen zeigt die Studie: Wer private Qualitätsmedien mit Angeboten des Service Public kombiniert oder journalistisch produzierte Nachrichten in Radio und Fernsehen nutzt, ist weniger anfällig für desinformative Verschwörungsaussagen.
Umgekehrt zeigt sich das Problem der «News-Deprivation»: Personen, die praktische keine Nachrichten konsumieren oder sich fast nur über Social Media wie TikTok und Instagram informieren, sind anfälliger für desinformative Verschwörungsaussagen. «Nachrichtenkonsum über Social Media bietet keinen erkennbaren Schutz vor Desinformation, wenn man sich nicht zusätzlich über journalistische Quellen informiert», sagt Eisenegger. Schützend wirke zudem die Fähigkeit, typische Tricks von Desinformation erkennen - etwa Scheinbelege oder starke Vereinfachungen. «Diese Verifizierungskompetenz sollten wir deshalb stärker fördern.»
Die regelmässigen Langzeitanalysen im Jahrbuch zeigen eine insgesamt stabile Medienqualität. Der Gesamtscore liegt 2025 mit 6,4 Punkten ähnlich hoch wie 2015 mit 6,3 Punkten. Hinter dieser Stabilität stehen aber gegenläufige Entwicklungen: Die Relevanz der Berichterstattung nimmt langfristig zu und die Einordnungsleistung verbessert sich leicht, während die Vielfalt klar sinkt. So konzentriert sich die Auslandsberichterstattung zunehmend auf wenige Grossmächte und aktuelle Krisenherde. Hinzu kommt eine hohe und steigende Medienkonzentration. Wenige Anbieter kontrollieren den Grossteil der Reichweite. Auch inhaltlich ist die Berichterstattung konzentriert, denn Beiträge erscheinen immer häufiger gleichzeitig in mehreren Medien.
«Eine widerstandsfähige demokratische Öffentlichkeit braucht verlässlichen Journalismus», hält Eisenegger fest. Die Autor:innen des Jahrbuchs empfehlen, der «News-Deprivation» stärker entgegenzuwirken, Qualitätsjournalismus ökonomisch zu sichern und die Nachrichten- und Medienkompetenz verbindlich in Schule und Ausbildung zu fördern. Private und öffentliche Medien sollten ihre Kompetenzen im Bereich des Fact-Checkings über eine gemeinsame technische Infrastruktur bündeln. Zudem braucht es transparente und überprüfbare Regeln für Plattformen, Suchmaschinen und KI-gestützte Antwortsysteme, etwa dazu, wie Informationen ausgewählt und gewichtet werden und wie mit Desinformation umgegangen wird.
Das Jahrbuch Qualität der Medien 2026 bietet auch zusätzliche Analysen und Studien, beispielsweise zum Vertrauen in KI-Chatbots im Vergleich zum Vertrauen in professionelle Nachrichten oder zu den Erwartungen der Schweizer Bevölkerung, welches Angebot die SRG SSR bereitstellen und auf welchen Kanälen die SRG SSR präsent sein soll. Alle Inhalte sind auf www.foeg.uzh.ch erhältlich.
Prof. Dr. Mark Eisenegger
Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög)
Universität Zürich
Tel. +41 44 635 21 23
E-Mail