08/24/2026 | Press release | Distributed by Public on 08/24/2026 03:09
RedeVeröffentlicht am 24. August 2026
Zentrum Löwenberg, Murten, 23.08.2026 - Grusswort vom 23. August 2026
«Trop de cuisiniers gâtent la sauce»
«Troppi couchi guastano la minestra»
«Zu viele Köche verderben den Brei»
Als Bundeskanzler muss ich Ihnen sagen: Dieser Satz ist politisch höchst problematisch.
Denn unser ganzes politisches System beruht darauf, dass möglichst viele mitreden: sieben Bundesräte, 246 Parlamentarierinnen und Parlamentarier, 26 Kantone - und am Ende auch noch das Volk.
Erstaunlicherweise kommt trotzdem meistens etwas Brauchbares heraus.
Vielleicht ist das sogar das Erfolgsrezept der Schweiz: viele Köche - aber am Ende ein gemeinsames Gericht.
Sehr geehrter Herr Präsident Nussbaumer
Chères cheffes et cher chefs de Cuisine
Geschätzte Gäste aus allen Regionen der Schweiz
Egregi signori e signore
C'est pour moi un très grand plaisir de vous saluer aujourd'hui chaleureusement au nom du Conseil fédéral. Il y a des rendez-vous pour lesquels j'apporte surtout des dossiers. Pour celui-ci, j'avoue que j'ai surtout apporté mon appétit !
Le fait que nous nous retrouvions ici, à Morat, dans le canton bilingue de Fribourg, est particulièrement bien adapté à l'occasion. L'allemand et le français. Deux régions, deux traditions, deux mentalités différentes. Ce n'est pas « soit l'un, soit l'autre », mais « l'un et l'autre ».
C'est justement l'une des forces de notre pays. Et aussi l'une des forces d'une bonne cuisine. On ne mélange pas les ingrédients jusqu'à ce qu'on ne puisse plus les distinguer. On les associe de manière à ce que chacun conserve son caractère, et qu'ensemble ils permettent de créer quelque chose de nouveau.
Ich möchte drei Gedanken mit Ihnen teilen:
Erstens: Was eine Küche über Zusammenarbeit und Führung lehrt.
Zweitens: Weshalb gemeinsames Essen für den gesellschaftlichen und politischen Zusammenhalt unseres Landes wichtig ist.
Und drittens: Welche Verantwortung wir gegenüber der nächsten Generation von Köchinnen und Köchen tragen.
Erstens: Die Küche als Schule des Lebens
Zum ersten Gedanken: Die Küche als Schule des Lebens.
Ich stehe heute nicht nur als Bundeskanzler vor Ihnen, sondern auch als ehemaliger Kochlernender. Das ist inzwischen mehr als vierzig Jahre her. Aber gewisse Reflexe bleiben. Wenn ich eine Küche betrete, schaue ich noch immer zuerst, ob die Mise en place stimmt. Und wenn irgendwo ein Messer falsch herum liegt, werde ich leicht nervös.
Ich sage bis heute mit grosser Überzeugung: Die drei wichtigsten Jahre meines Berufslebens habe ich in der Küche verbracht. Denn eine Küche ist eine ausserordentlich gute Schule für das Leben.
Man lernt dort zunächst, dass ein gutes Ergebnis fast nie das Werk eines Einzelnen ist. Der Küchenchef ist wichtig. Selbstverständlich.
Aber ohne die Menschen am Herd, am Pass, in der Patisserie, im Service und in der Abwaschküche bleibt auch die schönste Idee nur eine Idee.
In einer guten Küche weiss jeder, was er zu tun hat. Aber ebenso wichtig ist: Jeder weiss, dass er sich auf die anderen verlassen kann. Das ist Teamarbeit in ihrer reinsten Form.
Und man lernt, mit Druck umzugehen. Wenn zehn Bons gleichzeitig hereinkommen, hilft keine Auslegeordnung, keine Arbeitsgruppe und meistens auch keine Vernehmlassung. Dann braucht es Übersicht. Klare Entscheide. Gegenseitiges Vertrauen.
Und manchmal auch die Fähigkeit, einen Fehler rasch zu korrigieren, ohne zuerst lange zu klären, wer dafür zuständig gewesen wäre. In dieser Hinsicht könnte die Politik gelegentlich noch etwas von der Küche lernen.
Eine Küche lehrt aber noch etwas anderes: Führung zeigt sich besonders dann, wenn es hektisch wird. In ruhigen Momenten kann fast jeder freundlich sein. Entscheidend ist, wie wir mit Menschen umgehen, wenn der Druck steigt, wenn etwas misslingt oder wenn jemand noch nicht so schnell und sicher arbeitet wie die Erfahrenen. Eine Küchenchefin oder ein Küchenchef prägt deshalb nicht nur Gerichte. Sie oder er prägt Menschen, Teams und berufliche Lebenswege. Das ist eine grosse Verantwortung! Und es ist eine grosse Leistung!
Zweitens: Der gemeinsame Tisch als Ort des Zusammenhalts
Ce qui m'amène à ma deuxième réflexion : la table commune comme lieu de cohésion.
Cuisiner, ce n'est pas simplement préparer le repas. Lorsqu'on cuisine, on œuvre pour les autres : pour leur santé, pour leur bonheur, pour créer des souvenirs - et pour créer des liens entre les gens.
En politique, on parle souvent de cohésion sociale.
Vous, vous la construisez chaque jour, très concrètement.
Dans les restaurants, les hôpitaux, les écoles, les maisons de retraite ou les auberges de montagne: partout, la nourriture est plus qu'un simple moyen de subsistance. C'est un moment de partage, une marque d'attention, une forme de dignité - et souvent un petit morceau de chez-soi.
La cuisine est peut-être la seule langue nationale que nous comprenions tous sans avoir besoin d'interprétation simultanée. Mais c'est bien plus qu'une simple langue. Dans un pays multilingue comme le nôtre, la gastronomie n'efface pas les différences. Elle les rend visibles, les met en valeur et nous apprend à les apprécier.
Ein gemeinsamer Tisch bringt Menschen zusammen, die nicht in allem gleicher Meinung sein müssen. Man kann politisch unterschiedlich denken und trotzdem dasselbe Brot teilen. Man kann aus verschiedenen Regionen kommen und sich trotzdem für dasselbe Gericht begeistern. Man kann verschiedene Sprachen sprechen und dennoch sofort verstehen, was Gastfreundschaft bedeutet.
Das scheint einfach zu sein. Ist es aber nicht.
Wir leben in einer Zeit, in der wir ständig kommunizieren, aber nicht immer miteinander sprechen. Wir senden Nachrichten, kommentieren, reagieren und bewerten. Häufig schnell, manchmal zu schnell.
Ein gemeinsames Essen verlangt etwas anderes: Gegenwart. Und das ist etwas, dass uns die Küche und der gemeinsame Tisch gibt.
Drittens: Verantwortung für die nächste Generation
Damit komme ich zu meinem dritten Gedanken: der Verantwortung für die nächste Generation.
Die Schweizer Gastronomie lebt von ihrer grossen Tradition. Aber sie hat nur dann eine Zukunft, wenn junge Menschen bereit sind, diese Tradition weiterzuführen und weiterzuentwickeln.
La gastronomia svizzera vive della sua grande tradizione. Ma avrà un futuro soltanto se i giovani sono disposti a portarla avanti e a svilupparla ulteriormente.
Le métier de cuisinier est exigeant. Il demande des connaissances spécialisées, de l'endurance, de la créativité, un sens de l'organisation et de la résistance physique. Il demande d'être prêt à travailler lorsque les autres profitent de leur temps libre. Et il demande quelque chose qui ne peut pas vraiment s'apprendre dans les livres : le plaisir de faire plaisir aux autres.
Junge Berufsleute brauchen deshalb nicht nur Rezepte und Techniken. Sie brauchen Vorbilder. Menschen, die ihnen zeigen, dass hohe Ansprüche und menschlicher Umgang zusammengehören. Menschen, die Fehler korrigieren, ohne jemanden kleinzumachen. Menschen, die Leistung verlangen, aber auch Entwicklung ermöglichen.
Diese starke Berufskultur entsteht nicht nur durch Leitbilder und schöne Worte. Sie entsteht im Alltag. Beim Arbeitsbeginn am Morgen.
Beim Ton in einem hektischen Service. Beim Umgang mit einem misslungenen Gericht.
Sie, geschätzte Küchenchefinnen und Küchenchefs, vermitteln deshalb weit mehr als berufliche Fähigkeiten. Sie vermitteln Haltung:
Sorgfalt.
Verlässlichkeit.
Respekt vor den Produkten.
Respekt vor dem Team.
Respekt vor den Gästen.
Und Respekt vor dem eigenen Handwerk.
Ich danke Ihnen für Ihre Leidenschaft und Ihre Ausdauer. Und ich danke Ihnen für die vielen Stunden, in denen Sie anderen Menschen einen guten Moment schenken - häufig dann, wenn Ihre eigene Familie und Ihre Freunde gerade irgendwo anders zusammensitzen.
In diesem Sinne:
Vive la gastronomie suisse!
Viva la gastronomia svizzera!
Es lebe die Schweizer Gastronomie!