06/30/2026 | Press release | Distributed by Public on 06/30/2026 11:57
Ukrainische Wissenschaftlerinnen schlagen Brücken nach Deutschland und Europa und stärken so die Forschungsfreiheit in der Ukraine
Dieser Hörsaal an der Nationalen Universität Kharkiv wurde infolge des russischen Militärangriffs am 9. August 2024 zerstört. Ein Wachmann der Universität wurde verletzt und in kritischem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert.
© Stringer / Anadolu / picture alliance
Die Wissenschaft in der Ukraine blickt auf eine lange Geschichte unter dem Einfluss der Sowjetunion und Russlands zurück. Durch zahlreiche und andauernde Repressionen ist ein hoch resilientes System aus Forschung und Entwicklung entstanden. Unter den aktuellen Kriegsbedingungen stößt dieses System aber zunehmend an seine Grenzen. Zwei ukrainische Wissenschaftlerinnen bearbeiten am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb die Frage, wie die ukrainische Wissenschaft und Wirtschaft den Krieg überleben können und schlagen dafür wichtige Brücken zwischen Deutschland, Europa und der Ukraine.
Anastasiia Lutsenko präsentiert ihre Arbeit bei einer wissenschaftlichen Tagung.
© Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb
"Ukrainische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten bisweilen unter katastrophalen Bedingungen, bedingt durch den Krieg", sagt Anastasiia Lutsenko vom Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb. "Die Forschungsfreiheit ist durch die russische Besatzung und durch mangelnden Zugang zu Laboren und wissenschaftlichen Teams massiv beeinträchtigt." Lutsenko ist erste Autorin eines Reports für die Unesco, der die schwierige Situation ukrainischer Forschender herausarbeitet.
Demnach wurden etwa 30 Prozent aller Forschungseinrichtungen in der Ukraine bereits durch den Krieg beschädigt oder zerstört. Viele ukrainische Forschende verloren im Laufe des russischen Angriffskriegs ihre Anstellungen. Vor allem bei Wissenschaftlern, die an der Front eingesetzt sind, laufen häufig die Fördermittel aus. Wenn sie sich davor keinen internationalen Forschungseinrichtungen anschließen konnten, gehen Talente und Wissen verloren, Kollaborationen zerbrechen. "Kurz nach Kriegsbeginn kam der Wissenstransfer in Teams stark ins Stocken. Denn erfahrene Forschende, die Nachwuchswissenschaftler ausbilden, mussten mit einem Einsatz an der Front rechnen", sagt Anastasiia Lutsenko. 169 Forschungsprojekte kamen laut des Unesco-Berichts so und durch zerstörte Laboreinrichtung und Forschungsinfrastruktur bereits zum Erliegen. Mit der Meeres- und Biodiversitätsforschung leiden auch ganze Disziplinen, da etwa die Forschungsstation am Schwarzen Meer und die Askanija-Nowa und Karadag Naturschutzgebiete im Osten des Landes nicht mehr zugänglich sind.
Hinter all diesen Zahlen stecken natürlich persönliche Schicksale, die der Report ebenfalls behandelt. Laut Lutsenko sollen bereits an die 150 Forschende durch Kriegsfolgen ums Leben gekommen sein. Wegen der andauernden Gefahr für Leib und Leben, zählen heute etwa 22.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Binnenflüchtlinge.
Anastasiia Lutsenko erforscht dieses Problem mit Hilfe der Systemtheorie. Das Wissenschaftssystem funktioniert als Netzwerk, in dem Forschende Wissen teilen, sich ständig zu immer neuen Forschungsfragen austauschen und dabei stets ein kritisches Auge bewahren. Ein großes und internationales Netzwerk mit mehreren integrierten Zentren ist resilienter als viele kleine und entkoppelte Netzwerke, die nicht miteinander kommunizieren können. Der Ukraine droht genau solche Fragmentierung. Grund dafür sind aber nicht nur Flucht und Zerstörung. "In den ersten Jahren nach Ausbruch des Kriegs nutzten Besatzer Wifi-Signale, um Labore in der Ostukraine ausfindig zu machen", sagt Lutsenko. Viele trennten daher ihre Labore und Server vom Netz, um nicht durch Russland vereinnahmt oder gar zerstört zu werden. "Wissenschaft ist elementar für regionale Entwicklung, technische Unabhängigkeit und langfristigen Wohlstand. Gerät Wissenschaft unter die Räder, ist das verheerend für ein Land." Die große Herausforderung sei also, Forschungseinrichtungen in der Ukraine, die gefährdet oder bereits entkoppelt sind, in ein internationales Forschungsnetzwerk zu integrieren.
Dass das Erfolg hat, hat etwa das Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb bewiesen. Das Münchner Institut hatte zu Kriegsbeginn einen Aufruf gestartet, der ukrainische Forschende einlud, sich auf Scholarships zu bewerben. So gelangten damals sieben Wissenschaftlerinnen und ein Wissenschaftler aus der Ukraine nach Deutschland, sechs arbeiten auch heute noch am Institut.
Darunter ist neben Anastasiia Lutsenko auch Liudmyla Petrenko. Ihr Kerngebiet ist die Industrie- und Betriebswirtschaft. Sie erreichte das Institut kurz nach dem Angriff auf die Ukraine. Wie Anastasiia Lutsenko, die beruflich bereits fast 40 Länder bereiste, war auch Petrenko eng mit der westlichen Wissenschaftsgemeinschaft vernetzt. Mit dem Münchner Max-Planck-Institut stand sie im engen und freundschaftlichen Austausch. "Im März 2022 sagte mir das Institut, ich solle das Land verlassen und nach München kommen, sobald es mir möglich ist", so Petrenko. "Ohne diese bedingungslose Einladung hätte ich Kiew nie verlassen."
Liudmyla Petrenko, hier am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbwerb, setzt sich für den Wiederaufbau des ukrainischen Pharmasektors ein.
© Axel Griesch / MPG
Liudmyla Petrenko sieht sich als Praktikerin und baut heute Brücken zwischen Deutschland, der Europäischen Union und der Ukraine. "In Osteuropa erfährt die Forschungsgemeinschaft oft Druck von oben. Ich baue lieber Druck von unten auf, indem ich zwischen dem Osten und dem Westen vermittle und Wissenstransfer zwischen Ländern ermögliche", sagt Petrenko. Nur so könne man frei forschen und lassen sich Potenziale fördern. "An der Schnittstelle zu arbeiten ist nicht immer angenehm, ich reise viel zwischen Deutschland und der Ukraine hin und her. Aber ich habe mir das selbst ausgesucht. Es ist mein Weg, einen Beitrag zu leisten. Und, klar, ich höre auch meine Kolleginnen und Kollegen, die sagen: 'We need you!' "
Als Wirtschaftswissenschaftlerin, die an der Kommerzialisierung eines Krebsimpfstoffs mitwirkte, setzte sich Liudmyla Petrenko intensiv mit den Chancen und Herausforderungen auseinander, ukrainische biomedizinische Innovationen auf den Markt zu bringen. Die Pharmaindustrie ist in der Ukraine tief verwurzelt, in der Sowjetunion war das Land immerhin für 70 Prozent der gesamten Pharmaproduktion verantwortlich. Das reiche Know-how und industrielle Erbe der Ukraine kommt auch und gerade jetzt zu Kriegszeiten zum Tragen, denn eine stabile medizinische Versorgung ist unabdingbar. "Die Pharmaproduzenten halten die Preise niedrig und helfen so den Bürgerinnen und Bürgern zu überleben", sagt Petrenko.
Und gerade in diesem industriellen Segment sieht die Expertin einen Benefit für Deutschland, die Europäische Union und die Ukraine. Seit 2025 fördert die VolkswagenStiftung das Projekt "From Legacy to Leadership". In dem Projekt entwerfen Petrenko und das gesamte Team einen Leitfaden für den Wiederaufbau der ukrainischen Pharmaindustrie in Partnerschaft mit der EU.
Das hat Vorteile für beide Seiten. Die Pharmaindustrie fußt auf einer komplexen chemischen Industrie, die bei höchsten Standards und mit sehr gut ausgebildetem Personal arbeitet - und in der Ukraine auch unter Kriegsbedingungen funktioniert. Der Westen kann von der Ukraine lernen, wie man Industrien resilient gestaltet. Gleichzeitig profitiert die Ukraine vom Zugang zum westlichen Forschungsnetzwerk und zu internationalen Kollaborationen. "Hier am Max-Planck-Institut habe ich viel über wissenschaftliche Methodik und Ansätze gelernt, die elementar für politische Entscheidungen in der Ukraine sind. Das hilft mir sehr dabei, ukrainische Ministerien zu beraten", sagt Petrenko.
Mit diesem stilisierten Portrait erinnert der offizielle Künstler des Nobelpeises, Niklas Elmehed, an die namhafte Biologin Lyudmila Shevtsova, die am 2. Januar 2024 beim Einschlag einer Rakete in ihr Apartment getötet wurde.
© Niklas Elmehed
Resilienz, Forschungsfreiheit und Forschungszusammenarbeit - für Außenstehende ist das schwer zu greifen. Ein Kunstprojekt soll spürbar machen, was dahinter steckt. Die Wanderausstellung "Freedom in the Equation - Verlorene Nobelpreise", die vom ersten bis zum 15. Juli in München zu sehen ist, spitzt diese Themen zu und fragt: Was, beziehungsweise wen verliert die Welt, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht frei forschen können?
Die Max-Planck Forscherin Anastasiia Lutsenko hat mit ihrem Unesco-Report die evidenzbasierte Grundlage für die Ausstellung geschaffen, die sie im Rahmen des Projekts Science At Risk beisteuert. "Wir rücken diese Erkenntnisse auf eine persönliche und emotionale Ebene. Das macht es viel einfacher zu verstehen, wo das Problem liegt", sagt Anastasiia Lutsenko. "Für mich persönlich ist diese Kunstausstellung genau wie meine Forschung ein extrem wichtiger Beitrag, um das wissenschaftliche Erbe der Ukraine langfristig zu bewahren."
Künstlerische Portraits erzählen die persönlichen Geschichten von zehn ukrainischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, deren Forschung, Karrieren und Leben durch politische Repressionen, Krieg, Unterdrückung und fehlende wissenschaftliche Freiheit gewaltsam unterbrochen oder gar beendet wurden. Der Künstler ist kein Unbekannter: Niklas Elmehed fertigt jedes Jahr die offiziellen Portraits frisch gekürter Nobelpreisträgerinnen und -träger an. Seine Portraits vermitteln sehr eindringlich und symbolhaft: Diese Namen hätten Nobelpreise gewinnen können, sie hätten die Welt verändern können, wenn sie international sichtbar gewesen wären.
Wie wichtig Zusammenhalt ist, zeigt auch Nobelpreisträger Ferenc Krausz vom Max-Planck-Institut für Quantenoptik. Er engagiert sich für die Menschen in der Ukraine. Ein kurzer Dokumentarfilm auf der Website des Projekts Peace4Europa zeigt, wie sich die Nobelpreisträger und Physiker Serge Haroche und Ferenc Krausz im Auftrag aller Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger auf den Weg in die Ukraine machen - als Zeichen der Solidarität für die Menschen vor Ort.
In der andauernden Initiative Science4People, die die Max-Planck-Förderstiftung organisatorisch beim Start unterstützte, fördern der Initiator Ferenc Krausz und das Team Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen in Kriegs- und Krisenregionen mit einem Fokus auf die Ukraine.
Text: Tobias Beuchert
Eröffnungsevent: 1. Juli 2026, 18:30 Uhr in der Ukrainischen freien Universität, Große Aula der Hochschule für Philosophie, Kaulbachstraße 31-33, München
Details und Anmeldung gibt es auf der Website der Ukrainischen freien Universität.
Vom 2. Juli bis zum 15. Juli ist die Ausstellung hier zu sehen: Ukrainische freie Universität, Barellistr. 9a, 80638 München
Das Kunstprojekt "Freedom in the Equation - Verlorene Nobelpreise" entstand im Rahmen des Projekts Science at Risk mit Unterstützung des populärwissenschaftlichen Mediums Kunsht und der ZMIN Foundation in Zusammenarbeit mit Moia Nauka, Ukrainische Wissenschaftler im Krieg und der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft Ulm / Neu-Ulm e.V..