09/11/2026 | News release | Distributed by Public on 09/10/2026 16:20
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«Wie verhindern wir, dass Schülerinnen und Schüler denkfaul werden, weil ihnen die Künstliche Intelligenz beim Schreiben hilft?» Die Frage eines Lehrers brachte ein zentrales Thema am Besuchstag der Gymnasien der UZH auf den Punkt. Noah Bubenhofer, Linguist am Deutschen Seminar, hatte eine klare Antwort: «Den Wert des Selberschreibens bloss zu behaupten, reicht nicht», sagte er. Junge Menschen müssten im Unterricht erleben können, was sie gewinnen, wenn sie einen Gedanken selbst entwickeln.
Achtzig Sprachlehrpersonen aus Zentralschweizer Gymnasien waren an die UZH gekommen, um sich darüber auszutauschen, wie sich KI auf Sprachunterricht und Studium auswirkt und welchen Wert Sprachenlernen und Sprachenvielfalt heute haben. Fünf UZH-Dozierende sorgten mit Inputreferaten für Diskussionsstoff. Noah Bubenhofer rekapitulierte zunächst die rasanten Veränderungen der vergangenen vier Jahre: Beschränkte sich der Einsatz von Künstlicher Intelligenz anfangs vor allem auf Gespräche mit Chatbots und das maschinelle Erzeugen von Texten, übernehmen KI-Agenten inzwischen mehrstufige Aufgaben. Tätigkeiten wie Recherchieren, Lesen und Schreiben fliessen dabei zunehmend ineinander.
Ein kurzer Überblick Bubenhofers über die Tätigkeitsbereiche des Deutschen Seminars zeigte: Künstliche Intelligenz wird hier einerseits erforscht und andererseits als Forschungswerkzeug eingesetzt. In Lehrveranstaltungen wie dem neu eingeführten Modul «Sprache und Maschinen» lernen Studierende, kompetent und kritisch mit KI umzugehen.
Künstliche Intelligenz verändert nicht nur unseren Sprachgebrauch und unsere Kommunikationsgewohnheiten, sondern auch die Art, wie wir über Sprache und Kommunikation nachdenken. Was ist gedankliche Kreativität? Wie entstehen Texte? Und was bedeutet Autorschaft? KI bringt vertraute Vorstellungen darüber ins Wanken. Umgekehrt wirken manche besonders alten Vorstellungen plötzlich wieder verblüffend modern, wie der Gräzist Markus Hafner zeigte. Schon die griechische Antike habe schöpferische Arbeit als Zusammenwirken des Menschen mit äusseren Kräften begriffen. «Antike Texte stellen Urheberschaft als ko-kreativen Prozess von Mensch, Umwelt oder göttlichen Kräften dar», erklärte er.
Als Beispiel nannte Hafner den Musenanruf bei Homer: Die Musen sollen dem Sänger der «Ilias» helfen, die am Krieg gegen Troja beteiligten Schiffskontingente aufzuzählen. Hafner verglich dies mit dem heutigen «Homo promptans» - dem promptenden Menschen -, der eine KI um Unterstützung bittet.
Wenn bereits die antiken Sänger auf fremde Hilfe setzten, warum sollten das nicht auch heutige Schülerinnen und Schüler sowie Studierende tun? Die Anglistin Isabel Karremann erklärte in ihrem Referat, wozu KI im Literaturunterricht eingesetzt werden könne - und wozu nicht. KI könne Lernprozesse unterstützen, wenn sie schwierige Wörter erkläre, Hintergrundwissen liefere oder geduldig auf Nachfragen eingehe. Didaktisch kontraproduktiv sei dagegen ihr vorschneller Einsatz bei der Literaturinterpretation. «Das Problem ist nicht, dass diese Interpretationen notwendig falsch wären - das Problem ist, dass sie zu früh kommen.»
Wer sich die intensive Lektüre erspare und eine pfannenfertige Deutung abrufe, verpasse, worauf es beim literarischen Lesen ankomme: Vermutungen zu entwickeln, Irrtümer zu korrigieren und so schrittweise selbst Bedeutung herzustellen, sagte Karremann.
Schwierige Texte verstehen zu lernen ist mühevoll. Sprachen zu lernen erst recht. Weshalb also noch Zeit in eine zweite, dritte oder vierte Sprache investieren, wenn Englisch eine nahezu grenzenlose Verständigung ermöglicht und KI in Sekundenschnelle übersetzt? Die Romanistin Ursula Bähler gab darauf eine grundsätzliche Antwort: «Jede Sprache ist eine spezifische Art und Weise, auf die Welt zu schauen und diese zu begreifen.»
Bähler plädierte deshalb dafür, Mehrsprachigkeit gerade auch in der Wissenschaft zu pflegen. Sie anerkannte die Vorteile des Englischen als Welt- und Wissenschaftssprache, warnte aber zugleich vor Verlusten: Wo andere Sprachen aus der Wissenschaft verschwänden, entwickelten sich ihre Ausdrucksmöglichkeiten nicht mehr weiter und sie verlören an Prestige. Mit der sprachlichen Vielfalt drohten zudem unterschiedliche Zugänge zur Erkenntnis verloren zu gehen.
Auch der Romanist Johannes Kabatek beschrieb das Lernen einer Fremdsprache als eine Erfahrung des Anderen, die keine KI ersetzen könne. Besonders eindrücklich sei der Moment, in dem man beginne, die Feinheiten einer fremden Sprache wirklich zu verstehen, frei in ihr zu sprechen und damit Teil einer anderen Sprachgemeinschaft zu werden.
Gerade weil dieser Zugang nicht mühelos sei, habe er einen besonderen Wert, betonte Kabatek. Eine Sprache zu lernen koste Zeit und Anstrengung. Darin drücke sich die Wertschätzung für andere Menschen und ihre Kultur aus. Sprachenlernen ermögliche die Erfahrung, dass andere Menschen anders seien und der Zugang zu ihnen dennoch möglich sei. Darin liege auch eine Kraft gegen Ausgrenzung und die Überhöhung des Eigenen.
Sprachenlernen braucht Zeit. Doch Zeit ist im Unterricht knapp. Wo sollen Lehrpersonen Schwerpunkte setzen, wo Abstriche machen? Soll man bei der Interpretation eines Gedichts in die Tiefe gehen und dafür weniger Zeit in Grammatik investieren - oder umgekehrt? Darauf gab es in der abschliessenden Diskussionsrunde keine eindeutige Antwort.
Einigkeit bestand jedoch bei der übergeordneten Zielsetzung: Die Unterrichtszeit soll dazu genutzt werden, das Vertrauen junger Menschen in ihre eigenen Denk- und Sprachfähigkeiten zu stärken.
David Werner, UZH Kommunikation
Die UZH engagiert sich für den Dialog zwischen Hochschulen und Gymnasien. Ziel ist es, das gegenseitige Verständnis zu fördern, die Bildungsstufen besser aufeinander abzustimmen und den Übergang ins Studium zu erleichtern. Am Bildungsplatz Zürich findet dieser Austausch im Rahmen des Projekts HSGYM statt. Auch die Zentralschweiz pflegt diesen Dialog.
Der Besuchstag der Zentralschweizer Gymnasien an der UZH fand am 4. September 2026 statt. Das Programm wurde gemeinsam vom Deutschen Seminar, dem Englischen Seminar, dem Institut für Archäologie, Klassische Philologie und Altertumswissenschaft sowie dem Romanischen Seminar gestaltet.
«Letztlich geht es beim Austausch darum, die Bedürfnisse der Hochschulen mit den Möglichkeiten der gymnasialen Stufe in Einklang zu bringen», sagt Nicolas Disch, Rektor des Kollegi Schwyz. «Gerade dort, wo beide Bildungsstufen vor vergleichbaren Herausforderungen stehen, macht die gemeinschaftliche Lösungsfindung besonders Sinn.» Auch Gabriele Siegert, Prorektorin Lehre und Studium der UZH, legt grossen Wert auf die Verständigung zwischen den beiden Bildungsstufen: «Der Dialog ist in Zeiten, in denen sich vieles verändert, notwendiger denn je», sagt sie.
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